Kultur : Goethe-Institut: Demokratie im Gepäck

Hans Christoph Buch

Johann Wolfgang von Goethe und das nach ihm benannte Kulturinstitut haben eines gemeinsam: Beide genießen international wie auch im eigenen Land ein so unbezweifeltes Prestige, dass Kritik und üble Nachrede nicht ausbleiben konnten. Von Ludwig Börne bis zu Arno Schmidt und Peter O. Chotjewitz, der eine Umfrage von Rowohlts "Literaturmagazin" zu Goethe und Lessing mit dem Satz beantwortete: "Diese Herren interessieren mich nicht!", haben Generationen von Germanisten, Autoren und Regisseuren am Denkmal der klassischen deutschen Literatur ihren Mut gekühlt. Und noch vor wenigen Jahren hat Maxim Biller das weltweit renommierte Goethe-Institut mitsamt seinem damaligen Generalsekretär Joachim Sartorius auf die Schrotthalde der Geschichte gewünscht.

Schriftsteller, die mit Lesungen und Vorträgen in Goethe-Instituten gastierten, seien subventionierte Nullen und Schwätzer, die nichts zu sagen hätten, schrieb Biller im "Zeit-Magazin". Womöglich hat er sich inzwischen selbst unter die Nullen und Schwätzer eingereiht und geht, wie andere Goethe-Verächter auch, mit dem Institut auf Tournee.

Die pauschale Diffamierung ihrer Kulturarbeit hat auf das Selbstverständnis der Goetheaner eher stabilisierend gewirkt. Das gilt auch angesichts des durch Budgetkürzungen ausgelösten Kahlschlags seit Mitte der 90er Jahre: Die Schließung traditionsreicher Goethe-Häuser in Genua, Marseille und Reykjavik - um nur diese drei Namen zu nennen - löste einen noch nie dagewesenen Solidarisierungseffekt aus. Nicht nur Künstler und Schriftsteller - selbst Bundeskanzler und Bundespräsident äußerten ihr Befremden, ohne ihrem Sparkommissar Eichel in die Parade zu fahren und die schmerzhaften Einschnitte rückgängig machen zu können oder zu wollen; allerdings wurden die Schließungen durch Neueröffnungen von Goethe-Instituten in Tiflis, Hanoi und bald auch in Havanna teilweise kompensiert.

Die spektakuläre, aber meist folgenlose Entrüstung verstellt den Blick auf eine konzeptionelle Schwäche auswärtiger Kulturpolitik, auf die Jörg Lau in seinem Beitrag im Katalog zur Berliner Ausstellung "50 Jahre Goethe-Institut" aufmerksam macht. Die dort versammelten Festreden, soweit sie von den Planungsstäben und leitenden Mitarbeitern des Goethe-Instituts stammen, zeichnen sich durch eine bemerkenswerte begriffliche Unschärfe aus. Es sind Kompromisse zwischen miteinander verfeindeten Instanzen der Ministerialbürokratie, die es allen recht machen wollen und die Brüchigkeit, ja Hohlheit der zugrunde liegenden Ideen durch Pseudo-Konkretheit zu überspielen versuchen. Das galt für Willy Brandts griffiges Wort von der Kultur als "dritter Säule" der Außenpolitik ebenso wie für Ralf Dahrendorfs "erweiterten Kulturbegriff", der den klassischen Kanon im gleichen Atemzug aus- wie einschloss, und für Joschka Fischers wohltönende Rede, auswärtige Kulturpolitik sei Friedenspolitik.

Kein Wunder, dass bei den Nachbarn des wiedervereinigten Deutschland die Alarmglocken schrillen, denn ähnlich wie hinter dem Bemühen der Bundesrepublik, dem Rest der Welt "den Frieden zu erklären", vermuten sie hinter soviel Selbstverleugnung eine handfeste Absicht, und sei sie auch nur wirtschaftlicher Natur. Genau das nämlich, was andere Nationen unter Kulturpolitik verstehen - positive Selbstdarstellung, Export ihrer Kulturprodukte und Wahrnehmung eigener Interessen -, das kommt in diesem Diskurs mit keinem Wort vor: ganz so, als sei die Bundesrepublik eine mit dem Schutz des Weltkulturerbes befasste Unterorganisation der Unesco.

Selbst der von Günter Grass gerne und häufig benutzte Begriff "deutsche Kulturnation" rief außerhalb der Bundesrepublik Irritationen hervor, weil er zu implizieren schien, andere Nationen gründeten nicht auf Kultur. Dabei ging es Grass lediglich um die kulturelle Kontinuität, die er trotz der politischen Teilung Deutschlands im gemeinsamen Erbe der Literatur verankert sah.

Besser gemacht als gemeint

Kunst ist das Gegenteil von gut gemeint, und allzu wohlklingende Absichtserklärungen - von den ewigen Werten des christlichen Abendlands bis zum Multikulti-Zirkus im globalen Dorf - geraten automatisch unter Ideologieverdacht. Damit nicht alles falsch wird, ist an diesem Punkt eine wichtige Einschränkung angebracht: Die kulturpolitische Praxis des Goethe-Instituts ist besser als die Theorie und hat das pseudophilosophische Blabla seiner generalistischen Meisterdenker mehr als einmal Lügen gestraft: Pina Bauschs Tanztheater in Indien; Volker Ludwigs Musical "Linie 1" auf die spezifischen Bedingungen Brasiliens, Indiens oder Südkoreas übertragen; Albert Mangelsdorffs Duett mit dem Saxophon spielenden König von Thailand und Durs Grünbeins Essay über die Misswahlen in Venezuela; Hans Magnus Enzensbergers Zusammenarbeit mit Bahman Nirumand und Klaus Staecks Patenschaft für den weißrussischen FilmemacherJurij Chaschtschewatskij - diese Auftritte waren Sternstunden auswärtiger Kulturarbeit, in denen, lange bevor dieser Begriff in Mode kam, erfahrbar wurde, was Zivilgesellschaft und Interkulturalität bedeuten. Überall dort, wo das Goethe-Institut vorübergehend vom neutralen Versammlungsort zur Probebühne der Demokratie avancierte, hörte die Kulturarbeit auf, ein entbehrlicher Luxus zu sein und wurde lebensnotwendig wie das tägliche Brot.

Gerade im Augenblick der Gefahr zeigte sich die Bundesrepublik von ihrer besten Seite und exportierte nach Buenos Aires und Santiago de Chile, Sarajevo, Teheran und Kabul das Wertvollste, was sie besitzt: ein Stück gelebter Demokratie, Zivilcourage und Toleranz, deren Überzeugungskraft gerade in ihrer unprätenziösen Selbstverständlichkeit lag.

Aber das waren heroische Ausnahmen, nicht der kulturpolitische Alltag, den, wie anderswo auch, die Mühsal der Ebene prägt. Auch wer wenig oder gar nichts im Sinn hat mit deutscher Leitkultur, ist doch irritiert, wenn er deutschsprachige Autoren in Tokyo und Seoul, London oder New York denglisch radebrechen hört.

Die Klage asiatischer oder amerikanischer Germanisten, es falle ihnen schwer, Studenten zum Erlernen einer Sprache zu motivieren, die von ihren eigenen Sprechern so stiefmütterlich behandelt wird, muss ernst genommen werden. Trotzdem fegte ein Sturm der Entrüstung durch den Blätterwald, als Joachim Sartorius, ganz gewiss kein Nationalkonservativer, für einen selbstbewussteren Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Sprache und Kultur plädierte. An einer Neubestimmung der Kulturpolitik, ebenso wie des klassischen Kanons, führt jedoch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung kein Weg vorbei; da gähnt ein Vakuum, das mit Hinweisen auf die Globalisierung allein nicht zu füllen ist. Konferenzschaltungen und Surfen auf der Datenautobahn sind kein Ersatz für persönliche Begegnungen wie die von Enzensberger mit Nirumand einst im Teheraner Goethe-Institut. Denn Kultur - und Kulturvermittlung - entsteht nicht unter virtuellen, sondern nur mit lebenden Menschen.

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