Kultur : Goethe-Institut: Der Flirt von Madrid

Christiane Peitz

Klingt exotisch, der neue Name. Wie ein asiatisches Wundermittel, das ewiges Leben verheißt. Goethe Institut Inter Nationes e.V. , kurz: GIIN. So nennt sich die Fusion des Münchner Goethe-Instituts mit der Bonner Organisation Inter Nationes, die Medienarbeit für Ausländer in Deutschland betreibt. Und hinter dem neuen Etikett verbirgt sich sei Herbst 2000 auch eine neue Denkungsart: Goethe ist anders - in Zeiten öffentlicher Armut und privaten Reichtums, auf dem Weg ins vereinte Europa, im Zeichen der neuen Medien und der Globalisierung.

Schließlich wird das Institut in diesem Jahr 50 und hat damit das typische Alter für die Midlife-Crisis erreicht. Selbstzweifel? Verjüngung? Neue Partnersuche? Ja, verjüngen möchte Goethe sich schon, sprich: junge Menschen ansprechen, etwa über flottere Internet-Auftritte. Auch was die neuen Partner betrifft, steht ein Wechsel ins Haus. Denn nach einem halben Jahrhundert Kulturaustausch, Sprachvermittlung und Sympathiewerbung für ein ziviles, demokratisches Deutschland im Auftrag des Auswärtigen Amtes hat das Goethe-Institut seine politische Mission weitgehend verloren - mit Ausnahme der Außenstellen in Osteuropa, wo es einen wertvollen Beitrag beim Aufbau der jungen Demokratien leistet.

Aber in Westeuropa wie in allen freien Ländern hat letztlich der eigene Erfolg in die Krise geführt, wie Berthold Franke im Jubiläumsbuch treffend schreibt: die Überwindung der Kalten Kriegs-Fronten und des Kulturkampfs. Operation gelungen, Patient tot. Und weil der Sparzwang beim Übergang ins neue Jahrhundert zum Thema Nummer Eins avancierte, ist es nach der Politik nun die Wirtschaft, dem das Goethe-Institut sich anzunähern beginnt. Schließlich bringt die neue Partnerin etwas mit, was Politiker kaum noch zu bieten haben: Geld.

Goethe will nicht länger jammern: über geschlossene Institute in aller Welt, über den Verlust der lange Zeit so gepflegten wie gefürchteten Identität als Opposition gegen ein allzu offiziöses Deutschlandbild. In der Münchner Zentrale wie in den 128 Instituten in 76 Ländern denkt man nach über Sinn und Zweck auswärtiger Kulturpolitik, evaluiert, renoviert, erneuert sich.

Oase für Freigeister

Also auf nach Madrid. Madrid ist die Avantgarde: Vorreiter in Sachen Partnersuche. In Francos Zeiten und in der Ära des Übergangs zur Demokratie war das Haus in der Calle Zurbarán eine Oase für Freigeister: Diskussionsstätte für Spaniens Literaten, Filmemacher, Künstler und Intellektuelle. Heute ist das Institut nur ein Treffpunkt unter vielen, mit dem Kulturboom im Madrid der 90er Jahre hat sich seine ursprüngliche Funktion - die Verteidigung der Freiheit - erledigt. Auch für die Reiselust der renommierten Musik- oder Ballett-Ensembles muss Goethe nicht mehr aufkommen; die gehen längst ohne das GIIN auf Tournee. Erst kürzlich ließ sich Daniel Barenboim mit der Berliner Staatsoper im Teatro Real feiern. Die "Meistersinger" kommen? Goethe hilft da höchstens noch bei der Logistik.

Also was tun? Es wäre falsch, sich mit Sprachkursen und Nischenkultur zu bescheiden, sagt Wolfgang Bader, Leiter des GIIN in der spanischen Hauptstadt. Bader tat sich mit dem umtriebigen Botschafter Joachim Bitterlich zusammen, der ein Treffen mit Firmenchefs deutsch-spanischer Unternehmen arrangierte: BMW, Daimler-Chrysler, Schering, Gruner & Jahr, Lufthansa, um nur einige zu nennen. Das war im Frühjahr, und dann ging alles sehr schnell. Am 18. Juni unterzeichneten 12 Stifter die Gründungsurkunde der "Fundación Goethe España", versammelten sich zum Festakt in der Calle Zurbarán und zum anschließendem Gala-Dinner in der benachbarten Botschaft. Und die Festredner beschworen das magische Dreieck Kultur-Politik-Wirtschaft als innovative Form der Völkerverständigung.

Die "Fundación" möge Modellcharakter erhalten für andere Standorte. So wünscht es sich der eigens angereiste Goethe-Präsident Hilmar Hoffmann. Schließlich hat er Großes im Sinn: Eine zentrale "Stiftung Goethe Institute" will er noch vor seinem Abschied Ende des Jahres ins Leben rufen, mit zweistelligem Millionenkapital. Die Zinsen sollen das derzeitige Jahresbudget von 487 Millionen Mark (davon 136 Millionen Eigeneinnahmen) nach Kräften aufstocken. Hoffmann sammelt fleißig in diesen Tagen; jeder Mäzen, der fünf oder mehr Millionen spendiert, darf seinen Namen einem Institut seiner Wahl hinzufügen. Und Daimler-Chrysler hat in Singapur eine Kooperationsvereinbarung in Aussicht gestellt: 750 000 Euro in den Jahren 2001 bis 2003 für die Arbeit der 23 asiatischen Goethe-Filialen.

Die spanische Stiftung - einen ähnlichen Verein gibt es seit 1997 in Mexiko - basiert auf dem Prinzip des wechselseitigen Nutzens. Jeder Stifter zahlt jährlich bis zu 18 000 Euro und legt sich auf eine mindestens dreijährige Mitgliedschaft fest. Dafür erhält er privilegierten Zugang zu den Goethe-Veranstaltungen, die Förderaktivitäten werden im Hause und dessen Publikationen prominent präsentiert. Das GIIN schlägt dem Stiftungsrat Projekte für die Institute in Madrid und Barcelona sowie die Außenstellen in Granada und San Sebastian zur Finanzierung vor. Der Stiftungsrat entscheidet, hat aber selbst kein Vorschlagsrecht. Umgekehrt ist das Institut zwar im Rat vertreten, jedoch ohne eigenes Stimmrecht.

Eine Allianz für die Zukunft, hoffen die einen. Ein faustischer Pakt, fürchten die anderen. Verkauft Goethe seine Seele und lässt sich von der Wirtschaft in Dienst nehmen? Was, wenn die Stifter nur Interesse an Events haben, nicht aber an sperriger, gar politisch brisanter Kunst? Und wenn Sprachvermittlung nur noch als Wirtschaftsfaktor akzeptiert wird? Eine möglicherweise übertriebene Sorge, heißt es am Rande des Madrider Festakts. Denn in Spanien blüht wegen der günstigen Steuergesetzgebung das Mäzenatentum; zahlreiche Banken und Firmen leisten sich eigene kulturelle Aktivitäten. Aber die Förderung einer bereits bestehenden Kulturstätte ist auch in Madrid ein Novum: den Goethe-Leuten Beweis genug für die Bereitschaft der Sponsoren, zwar mitzumischen, sich aber inhaltlich auf die Fachkenntnis des Instituts zu verlassen. Bislang stehen in Madrid jährlich 175 000 und in Barcelona 160 000 Mark für Projekte zur Verfügung. Mithilfe der Stiftung hat sich diese Summe über Nacht verdoppelt. Heraus aus der Schwermutshöhle: Goethe, die tun was!

Der weiche Faktor

An der Sprache sollst du sie erkennen! Was also verkünden die Festredner an diesem Abend in Madrid? Die Wirtschaft, sagt der Botschafter, verkauft nicht nur Waren, sondern auch Werte. Kultur ist der ideale Türöffner! Die Zeit der Berührungsängste ist vorbei! Vom Bauen am europäischen Haus ist die Rede, von Vernetzung, Sinnstiftung, Zivilgesellschaft. Und von der Kultur als vertrauensbildender Maßnahme, die den Umsatz zwar nicht unmittelbar steigere, aber doch das Terrain für Wirtschaftsbeziehungen bereite. Fernziel ist ein deutsches Haus: ein gemeinsames Dach für den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Austausch.

Also doch: Indienstnahme der Kultur? Wenn Hilmar Hoffmann dann noch an das Humankapital und den Freizeitwert des "weichen Faktors" Kultur erinnert und die Zauberformel "Kreativität" gleichermaßen für Künstler wie für Unternehmensgründer geltend macht, klingt das weniger nach einer glücklichen Liaison als nach einer prekären Allianz. Was, wenn die Kultur nur noch zum Begleitprogramm taugt, wie die Musik von Saxophon und Akkordeon zwischen den Reden beim Festakt? Das Goethe-Institut ist unter Legitimationsdruck geraten, und es zieht die Kultur mit in den Bann dieses Rechtfertigungszwangs. Geist gegen Macht, so hieß einst die Devise, die in der Unabhängigkeits-Klausel der Goethe-Satzung ihren Niederschlag gefunden hat. Jetzt kungelt der Geist mit den Wirtschaftsbossen und dient sich ihnen an. Einerseits.

Andererseits: Vielleicht ist das ja nur ein Trick. Man macht den Finanziers das Geldgeben schmackhaft, um die hohe, die freche, die avantgardistische "Kultur des Verstehens" auf die eigene Art zu betreiben. Und warum sollen nicht auch Firmenbosse, Meinungsführer, Multiplikatoren dem "Terror der Vernunft" gelegentlich entrinnen (Hoffmann)?Kulturaustausch ist ein produktives Missverständnis. Der Versuch, den Blick des anderen auf das Eigene einzunehmen. Die Entfremdung der eigenen Sprache, der provozierte Verrat an vermeintlichen Identitäten. "Musterkarte" zum Beispiel. So heißt die Goethe-Ausstellung, die zurzeit an vier Orten in der spanischen Hauptstadt junge deutsche Malerei zeigt. Generation Klex: eine Malerei, die keinen Kanon kennt, keine Stile, keinen gemeinsamen Nenner. Sie ist sinnlich oder abstrakt, fotorealistisch oder expressiv, frisch oder ratlos: Jeder malt für sich allein. Kunst im Plural.

Wolfger Pöhlmann, der im GIIN Madrid für die Kulturprogramme verantwortlich zeichnet, freut sich über den einzigen Verriss in einer örtlichen Zeitung, mit der Überschrift "Das deutsche Desaster". Das enttäuschte Vorurteil: Deutsche Kultur, das ist in spanischen Augen immer noch Nietzsche, Heidegger, Leni Riefenstahl und Peter Sloterdijk. Pathos und Philosophie. Das Schwerverständliche und das Perfekte. Und nun diese malenden Schmuddelkinder von Jonathan Meese bis Neo Rauch, die gleichwohl mit den jungen Wilden der Achtziger nichts am Hut haben. Lauter Einzelgänger, die der altmodischen Lust an Pinsel und Farbe frönen. Das sorgt für Irritationen.

Damit wir uns richtig missverstehen: Wenn Geist und Macht sich auf diesem Umweg der Befremdung einander annähern, könnte die neue Liaison der Kultur mit der Wirtschaft ungeahnte, köstliche Blüten treiben. Diese Woche feiert das GIIN in Berlin sein Jubiläum, mit einer Ausstellung über die Geschichte der Institute. Aus dieser Geschichte, in der die deutschen Kulturbotschafter Adorno und Enzensberger heißen, Fassbinder und Beuys, Mangelsdorff und Grips-Theater, lässt sich eins immerhin lernen: dass Goethe dem, der das Geld gibt, noch nie nach dem Mund geredet hat.

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