Goethe-Institut : Europa-Kongress im Flughafen Tempelhof

Der Nachbar in uns: Das Goethe-Institut veranstaltet im Flughafen Tempelhof einen Europa-Kongress.

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Drachen weisen den Weg. In Tempelhof zeigt sich Nachbarschaft entspannt. Foto: Paul Zinken
Drachen weisen den Weg. In Tempelhof zeigt sich Nachbarschaft entspannt. Foto: Paul ZinkenFoto: Paul Zinken

Die sogenannte deutsch-französische Achse, sie kann auch so aussehen: ein Bollwerk der Allgemeinplätze, ein Schulterschluss nichtssagender Floskelrhetorik, gegen den weder Moderatorenfragen noch die Einlassungen anderer Teilnehmer etwas ausrichten können.

Eröffnung des Impuls-Forums „Illusion der Nähe. Ausblicke auf die europäische Nachbarschaft von Morgen“ im Flughafen Tempelhof. Zwei Tage lang geht es, ausgerichtet vom Goethe-Institut, um „die Gegenwart und Zukunft der internationalen Nahbeziehungen, um die Beziehungen Europas zu den Nachbarn außerhalb seines Einzugsbereichs“ und schließlich um den „Nachbarn in uns“, das heißt, „um die neuen Nahverhältnisse, wie sie sich durch Migration ergeben.“

Aber zunächst geht es um Sprechhaltungen. Und um die Frage, ob eine Verbindung zwischen der Größe eines Landes, seiner vermeintlichen Wichtigkeit und der rhetorischen Öligkeit ihrer Repräsentanten besteht. Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, lächelt eigentlich ganz anteilnehmend, während andere sprechen – sobald sie selbst anhebt, verwandelt sie sich in einen Floskelautomaten und reiht einen Allgemeinplatz an den anderen. Caroline Ferrari, die Gesandte der Französischen Botschaft, die ausgezeichnet Deutsch beherrscht, besteht darauf, sich auf Französisch mitzuteilen, um dann doch nicht mehr als Klischees von der „Vielfalt Europas“ und – mais oui, alors – von der Chance des Zusammenwachsens oder so ähnlich zu finden. Protokollarischer Autopilot. Sprechen als Kommunikationsverhinderung, aus einer offenbar zur zweiten Natur gewordenen Abwehr- oder Verteidigungshaltung heraus. Dagegen die Botschafter der vermeintlich weniger mächtigen Länder! Der Niederländer Marnix Krop jongliert gewitzt mit den Begriffen kleines Land, großes Land und trägt beeindruckende Zahlen über den Warenaustausch zwischen Deutschland und den Niederlanden vor. Der brillante Marek Prawda aus Polen, Solidarnosc-Mitbegründer, beschwört in poetischen Bildern die Notwendigkeit, sich mit den Geschichten der Nachbarn zu beschäftigen, damit die Bilder des anderen „nicht weiß werden“.

Repräsentations-Undurchdringlichkeit hier, lebendiges, analytisches Erzählen dort. Monadischer können Nachbarn kaum nebeneinandersitzen. Gerade weil die Eröffnungsveranstaltung an ihrer gespenstischen Steifheit scheitert, hat sich diese Europa-Konferenz legitimiert. Es ist offenbar tatsächlich nötig, zusammenzukommen. Selbst wenn das Reden nicht zusammenführt, stärkt es (irgendwie) die Idee. Selbst wenn der Diskurs Diskrepanzen offenbart oder unterschwellige Machtverhältnisse vorführt, baut er doch (irgendwie) an einer Europa-Realität mit.

Denn was ist eigentlich Europa? Kein Mensch weiß das. Nicht einmal Günter Verheugen, der ehemalige EU-Kommissar, zwei Tage später, obwohl er immer mehr den Eindruck hat, dass es da etwas Substanzielles gibt, das Europa von Asien oder Afrika unterscheidet. „Genau kann ich es aber noch nicht fassen.“ Das sogenannte „christliche Abendland“, von dem in letzter Zeit immer wieder die Rede sei, sei es auf jeden Fall nicht. Denn der Begriff war immer schon als Abgrenzungsbegriff gemeint, im Mittelalter gegen die oströmische Kirche, in der Romantik, ergänzt Ruprecht Polenz von der CDU, gegen Aufklärung und französische Revolution. Dann ist Europa etwas Formales? Eine, so Polenz, „Wertegemeinschaft, in der die Einhaltung der Menschenrechte zentral ist, aber die Frage der Religion keine Rolle spielt“? Auf jeden Fall etwas, das immer größer werden will und andererseits bedroht ist, durch Finanzkrise und anwachsenden Nationalismus, worüber sich alle einig sind. Ein bisschen ideologische Stärkung kann dieses wirklich-unwirkliche Gebilde also gut vertragen. Es passt, dass die Diskussionen in den filmset-tauglichen Hallen des Flughafen Tempelhof stattfinden, die einen grandiosen Blick auf das Flugfeld bieten.

Mal kommt man sich vor wie bei einem esoterisch angehauchten Selbstvergewisserungsgemurmel der Goethe-InstitutsFamilie; mal werden die Probleme so plastisch formuliert, dass sie klar in der Luft stehen wie die riesigen Drachen hinter den Fenstern. Der Autor und Radiojournalist Roman Herzog berichtet in dem Panel „Kleine Theorie der Nachbarschaft“ über das Verhältnis verschwindender Innengrenzen und immer härter bewachter Außengrenzen. Die Verantwortung für Flüchtlinge und Asylbewerber wird an die Anrainer-Staaten der EU delegiert, die, meist mit EU-Mitteln, Auffanglager unterhalten, aus denen sie die Schutzbedürftigen wiederum in noch entferntere Länder abschieben. „In Wirklichkeit verläuft die Grenze Europas inzwischen durch die Sahara“, sagte Herzog.

Mit inneren Problemen beschäftigt man sich auch. Die Politologin Manuela Bojadzijev kritisiert den Begriff der „Integration“ in aktuellen Debatten, weil er einen Gegensatz von „wir hier“ und „die da draußen“ etabliere und suggeriere, Migranten lebten außerhalb der Gesellschaft. Wie man den Prozess nun nenne, war Heinz Buschkowsky, dem SPD-Bürgermeister von Neukölln, schnurz. Mit emphatischem Furor beschreibt er die verwahrlosten Lebensumstände Neuköllner Kinder. Und plädiert erneut dafür, das Recht auf Schulpflicht staatlich durchzusetzen, „egal ob es sich um eine muslimische oder eine deutsche Familie handelt.“

Schließlich hält Guido Westerwelle eine Rede zu Europa und spricht „von der kulturellen Vielfalt“. Er unterstreicht die Bedeutung des Weimarer Dreiecks Polen, Frankreich und Deutschland und äußert sich, ohne Namen zu nennen, zur Sarrazin-Debatte: „Es gibt auch gute muslimische Ärzte und schlechte deutsche Ärzte.“ Und ruft der Jugend zu, dass Europa ein kostbares Gut sei.

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