Kultur : Goethe steht für das andere Europa Amos Oz über den Frieden im Nahen Osten

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Amos Oz, 66, erhält heute in der Paulskirche den mit 50000 Euro dotierten GoethePreis der Stadt Frankfurt. Er gilt als der größte Schriftsteller Israels – zuletzt erschien der Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (Suhrkamp). Seit Jahren setzt er sich für eine Aussöhnung von Juden und Palästinensern ein.

Herr Oz, noch vor kurzem schien es keine Aussicht auf Frieden im Nahen Osten zu geben. Nun wird zwar der Gazastreifen und ein Teil der Westbank geräumt, die Siedlungen im Westjordanland hingegen werden befestigt. Wird Frieden eine reale Option?

Ich habe keinen Zweifel daran. Dieser erste Schritt darf nicht unterschätzt werden. Ich kann nicht sagen, ob er bereits in sechs Monaten Frieden bringen wird oder erst in achtzehn Monaten. Aber auf lange Sicht wird der Friedensprozess weitergehen. Als ich vor Jahren über den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sprach, vermochte noch niemand sich einen solchen Rückzug vorzustellen.

Wir erfahren in Europa viel über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Über interne Probleme, die wirtschaftliche Krise und die Arbeitslosigkeit, wissen wir wenig.

Beide Bereiche sind eng verbunden – in beiden Gesellschaften. Die ökonomische Krise ist das direkte Ergebnis des durch die letzte palästinensische Intifada intensivierten Konflikts. Und: Die Auswirkungen auf die palästinensische Gesellschaft sind ungleich schmerzhafter, denn dort sind Armut, Leiden und Verzweiflung noch ausgeprägter als in Israel. Das ist auch der Grund, warum bereits das kleinste Anzeichen des Wechsels, der Hoffnung, augenblicklich eine Verbesserung bei den Arbeitslosenzahlen, im Tourismus oder bei den Auslandsinvestitionen nach sich zieht.

Gerade ist Ihr Essay „Israel und Deutschland. Vierzig Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen“ erschienen. Sie schreiben darin, dass Deutschland die moralische Pflicht habe, Israel zur Hilfe zu kommen, falls ihm die Vernichtung drohe. Welche Rolle spielt diese Furcht in Israel?

Soweit ich weiß, ist Israel das einzige Land der Welt, das andere Nationen mit einem Fragezeichen versehen. Iran zum Beispiel erklärt ganz offen, dass es besser kein Israel geben sollte. Das ist die offizielle iranische Politik, und sie könnte durch eine nukleare Option noch bedrohlicher werden. Wir brauchen eine starke moralische Unterstützung, damit die Menschen in Israel, die auf den Frieden setzen, die anderen davon überzeugen können, wie wichtig es ist, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen .

Schriftsteller wie Siegfried Lenz haben bewirkt, dass Sie wieder nach Deutschland reisen, obwohl viele Ihrer Verwandten von den Nazis umgebracht wurden. Was bedeutet Ihnen nun der Goethe-Preis?

Goethe repräsentierte für meine Eltern das Europa, das sie geliebt hatten, das Europa vor der Katastrophe und den Verbrechen. Ich dachte sofort an die gotischen Buchstaben der Goethe-, Schiller- und Heine-Ausgaben im Bücherschrank meiner Eltern. Selbst in den finstersten Zeiten deuteten sie auf diese Bücher und sagten: Denke immer daran, es gibt ein anderes Europa, ein anderes Deutschland.

Das Gespräch führte Mario Scalla.

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