Kultur : Goethe wäre begeistert

MANUEL BRUG

Die Show muß weitergehen - natürlich auch an der Deutschen Oper.Und während draußen das Ballett gegen seine Auflösung als einem weiteren "Sacre" demonstrierte (von null bis dreißig Tänzer ist augenblicklich noch alles drin) und oben in seiner Loge ein versteinerter Götz Friedrich saß, den sein Personalrat gerade per Aushang ein zweites Mal zum Rücktritt aufgefordert hatte, war unten auf der Bühne in einer trügerischen Idylle zwischen gemaltem Pappwald und echten Geranienkästen sein Orchester plaziert, dem er soeben die Medienzulage gestrichen hatte (welche sich die Staatskapelle, wenn auch anders genannt, gerade erstritten hat ...).Dennoch wurde der sich anschließende Massenetsche "Werther" die beste Aufführung der Berliner Opernsaison.Beinahe hatte man bei soviel kontrollierter Ekstase und (im zweiten Teil) ganz auf die Protagonisten konzentriertem Liebesschmerz und Todesverlangen das Gefühl, einem französischen "Tristan" beizuwohnen.Wer die beiden Folgeaufführungen versäumt, ist selber schuld.

Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen in der faden, teutonisch rumpelnden "Manon" animierte Alain Guingal vom ersten Ton an das Orchester zu einem konzertrierten, beweglich bleibenden, stets präsenten Tonfluß.Das uferte nie in Gefühlsduseligkeit aus, die heikle Massenet-Balance zwischen Härte und Sentiment, wehmütigen Erinnerungsfloskeln und kräftig sich vorwärtsbewegender Aktion, zum großen Ganzen sich weitende Kleinteiligkeit, die dieser Musik Raffinesse und Eigenart gibt, die aber falsch verstanden auch in Kurzatmigkeit ausarten kann, sie gelang ideal und immer schönklingend.Wobei der "Werther" mit seiner dunklen, mollverhangenen Farbenplatte, seiner Zuneigung zu Englischhorn und Saxophon, seinen charakteristischen Themen und seinem aus Verzweiflung geborenen, zum Verismus tendierenden Überschwang das bessere Stück ist als die bilderbogenartig zum Zeitpanorama geweitete "Manon".

Hätten deren beide Protagonisten nur so leidenschaftlich und so mustergültig französisch ihre Partien gestaltet, wie das an diesem Abend mit einer absoluten Idealbesetzung gelang.Leider war der beste Werther, der junge Alfredo Kraus nicht mehr verfügbar, also hatte man sich für den zweitbesten entschieden: den etwas älteren Alfredo Kraus.Der inzwischen 71jährige sang eine seiner Lieblingsrollen vom ersten Ton an mit stupender Plazierung der Stimme, leicht und leuchtend flutenden Spitzentönen, kontrollierten Piani und klar sich öffnendem Forte.Das Ringen um Liebe und Tod war bei ihm ein unausweichliches; melancholieverhangen zögerlich, auch in den Ausbrüchen, legte er die Figur an, immer scheu seine Charlotte umwerbend.Nur in dem als einzige Nummer von donnerndem Applaus unterbrochenen fingierten Ossian-Gesang "Pourquoi me reveiller", sozuzusagen einer durch Erinnerung gebrochenen Rezitation, schien die Sonne des französischen Tenorglücks strahlend hell.Auch Goethe wäre begeistert gewesen.

Neben diesem offenbar wirklich alterslosen Stürmer und Dränger die - halb so alte - Traum-Charlotte unserer Tage.War das früher Brigitte Fassbaender, die die Partie noch tragischer, dramatischer zerrissen anlegte - nachzuprüfen neben Placido Domingo auf dem gerade bei Orfeo (C 464 972 I) erschienen Live-Mitschnitt der Münchner Erstaufführung aus dem Jahr 1977, die damals die bis heute andauernde deutsche "Werther"-Reniassance einleitete -, so ist das heute Vesselina Kasarova.Modisch zwar eher eine Thais denn eine Brot aufschneidende hessische Hausfrau, sang die junge Bulgarin, die außerhalb Berlins längst einer der bedeutendesten Opernstars ist, mit weich verhangener Morbidezza und zurückhaltendem Ton, der sich in ihrer großen Soloszene "Laisse couler mes larmes" zu ausdrucksvollen Schmerzenswindungen steigerte.Das letzte von vier Duetten, in denen Jules Massenets seine letale Love-Story entwickelt - Charlotte findet den sterbenden Werther am Weihnachtsabend -, war von fast schon transzendenter Schönheit.

Neben diesem Traumpaar läßt Massenet in seinem 1892 in Wien uraufgeführten, in Deutschland zu lange nur an Goethe gemessenen lyrischen Drama anderen Stimmen wenig Raum.Abbie Furmansky, die sich immer mehr entwickelt, war eine schnuckelige, silbrig verspielte Sophie, Ralf Lukas, dem das französische Fach besser zu liegen scheint als das italienische, ein leutseliger Johann.Peter Edelmann als Albert, der grämliche Dritte im Liebesbund, und der Amtmann von Friedemann Kunder fielen dagegen nicht nur sprachlich ab, während die Mädel und Buben vom Berliner Knabenchor (!) ihre Weihnachtsrufe lauthals exakt plazierten.Fatal attraction auf französisch, durch die deutsche Klassik-Brille gesehen.Ein Abend, der die Lebensfähigkeit der Deutschen Oper endlich einmal wieder unter Beweis stellte.Wer davon nicht gerührt wird, der hat kein Herz.

Weitere Aufführungen am 25.6.um 19.30 Uhr und am 28.6.um 19 Uhr.

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