Kultur : Götter an der Decke

Transportale: Eine S-Bahn-Strecke wird zur Kunst-Meile

Katrin Wittneven

Sanft fährt die S-Bahn an. So vertraut sind Umgebung, Geräusche und Gerüche, dass jede Veränderung irritiert. Wie die ungewöhnlich dicht gehängten kleinformatigen Anzeigen von Berliner Einzelhändlern an der Decke des Wagens. Zu selbstgestaltet ist ihr Design, um professionell zu wirken, zu sehr erinnert die Hängung an bunte Straßendekoration bei südländischen Festen. Und tatsächlich sind sie nicht Teil einer Werbekampagne in S-Bahnzügen, sondern eine Rauminstallation der türkischstämmigen Künstlerin Azade Köker.

Nicht jede der fünfzehn künstlerischen Interventionen entlang der S-Bahnlinie S2, die derzeit im Rahmen des Berliner Kunstprojekts Transportale zu sehen sind, ist so leicht zu entdecken. Norbert Rademacher etwa ist ein Spezialist für die kluge Tarnung seiner Kunst im öffentlichen Raum. Für die Transportale wählte er die siebeneckige Eingangshalle der Station Humboldthain. Bereits 1985 hatte er hier eine Arbeit realisiert, auf die er sich nun bezieht. An der Decke stehen auf sieben Lampen die Namen von den im Altertum bekannten Himmelsgestirnen: Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn und Sonne. Um zu erkennen, wie maßgeblich diese noch heute unser Leben bestimmen, muss man sich nur die Namen unserer Wochentage vergegenwärtigen, in deren französischer Übersetzung der Ursprung deutlich aufbewahrt ist – mercredi, jeudi. Mitten in einem trostlosen Foyer wird der Fahrgast, wenn er denn nach Oben guckt, aus seinem Trott gerissen und, so der Titel, „Vielleicht erscheint die Ordnung der Welt, wenn der Blick die Richtung wechselt“.

Rademachers Prinzip im Banalen das Wesentliche zu entdecken, gilt für die gesamte Transportale. Und während der Kunstbetrachter mit dem Begleitheft von Station zu Station schaukelt, kommt ihm auch die historische Dimension des Verkehrssystems in den Sinn. Wie keine andere transportiert die Nord-Süd-Bahn auch deutsche Geschichte: Entstand die Idee für die Bahn noch im Kaiserreich, wurde sie in der Weimarer Republik geplant, im Nationalsozialismus gebaut und zerstört, in der Nachkriegszeit neu aufgebaut, im geteilten Deutschland geschlossen und im vereinigten Deutschland schließlich wieder eröffnet. Heute nutzen täglich 80 000 Fahrgäste die S-Bahn zwischen Bernau und Blankenfelde – und sehen vielleicht den von Thorsten Goldberg an der Station „Unter den Linden“ eingerichteten Leuchtkasten mit einer Karte vom Schlaraffenland, die Beiträge von Marc Bijl, Andrea Pichl und Tilman Wendland, in denen es um Überwachung und Sicherheitsbestimmungen geht, oder Gunda Försters Lichtinstallation unter einer Brücke an der Friedrichstraße. Hat nicht schon Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ seinen Erzähler in der Metro über ein Franz-Hals-Plakat nachsinnen lassen, an dem er vorüber fuhr? Eine Ausstellung für Flaneure, Entdecker und, an der Station Bornholmer Straße, für Mikadospieler.

Transportale bis 11. Mai, Infos am Nordbahnhof Mo-Fr 14 bis 18, Sa/So 10 bis 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben