Kultur : Götter des Alltags

Arkadische Begegnungen in der Zitadelle Spandau.

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In Arkadien. Hermann Polls „Festliche Kirche“, 1950er Jahre. Foto: Kunststiftung Poll
In Arkadien. Hermann Polls „Festliche Kirche“, 1950er Jahre. Foto: Kunststiftung Poll

Seit der Renaissance zieht Italien Künstler an. Die Schule der Nazarener ließ sich in Rom nieder, Johann Joachim Winckelmann, Vordenker des Klassizismus, studierte in Pompeji die antike Kunst. Goethe fragte sehnsüchtig: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“ In diese Traditionslinie stellt nun eine Ausstellung in der Zitadelle Spandau die vier deutschen Künstler Eduard Bargheer, Werner Gilles, Hermann Poll und Max Peiffer Watenphul, die um 1950 auf Ischia malten und zeitweise lebten.

Die Insel ist für sie mehr als nur ein Schön-Wetter-Ort mit idealen Lichtbedingungen. Während andere in der abstrakten Kunst einen Neuanfang nach dem verheerenden Bildersturm der Nazis wagen, greifen sie auf Ischia alte Fäden wieder auf: Bargheer, Gilles, Poll und Peiffer Watenphul arbeiten figurativ. Ihre Vorbilder finden sie im Expressionismus des Blauen Reiters oder bei Paul Klee.

Nicht jede Arbeit in der Schau „Begegnungen in Arkadien“ ist von gleicher Qualität. Aber in Vergessenheit geraten sind die vier Namen dennoch zu Unrecht. Bargheer, der schon 1948 Ehrenbürger der Gemeinde Forio wird, türmt Würfel zu Stadtansichten in abgetönten Farben von Apricot bis Flieder aufeinander. Wie sehr er Einheimischer war, zeigt das kleine Ölgemälde „Processione“: Das Hochformat macht die Enge der Gasse spürbar, in der sich der Prozessionszug mit der Marienfigur durchschiebt, Köpfe und Körper sind in vibrierende Farbflächen aufgelöst. Hier blickt kein Fremder neugierig aufs Geschehen, alles ist Stimmung und Gefühl.

Poll greift ebenfalls alltägliche Szenen auf, Kinder und Mutter mit Esel, Hafenarbeiter, die ein Schiff beladen. Bei ihm jedoch frieren die idyllischen Anordnungen zu überhöhten Genreszenen ein. Auch Gilles lässt Pathos aufblitzen. Seine Fischer erinnern mit ihrer tönernen Hautfarbe und den archaischen Körpern eher an Göttergestalten als an einfache Arbeiter. Besonders reizvoll ist die künstlerische Entwicklung Peiffer Watenphuls. Schon 1921 reist der Maler das erste Mal nach Italien. Frühe Arbeiten zeigen seine Faszination für die Antike. Später, in den 50er Jahren, wendet er sich der Natur zu. Auf grobes Rupfentuch sprenkelt er das flirrende Licht, der Himmel ist ein vom störrischen Pinsel zerfurchtes Blaugrau. Darauf setzt der Maler seine Zypressen. Sie stehen wie Ellipsen da. Fast schon abstrakt ist das. Anna Pataczek

Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, bis 2. Februar; Mo – So 10 – 17 Uhr

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