Kultur : Götter und Nebengötter München rätselt: Was wird mit Kent Nagano?

Mirko Weber
Foto: ddp Foto: ddp
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Anfang dieser Woche saßen sie sich bei der Münchner Premiere von „Tosca“ auf Duellierabstand gegenüber: links in der Loge der Generalmusikdirektor Kent Nagano mit Frau und Tochter, rechts im Kabinett der Intendant Nikolaus Bachler neben Regisseur Luc Bondy und Anhang. Normalerweise bittet in solchen Fällen der eine den anderen zu sich hinüber – schon um zu zeigen, dass man halbwegs im Einvernehmen ist. Nagano und Bachler indes schauten unverwandt aneinander vorbei. So überrascht es nicht weiter, dass Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) sich derzeit sehr schwertut, den Eindruck zu erwecken, er sei bei den im Herbst anstehenden Verhandlungen noch ernsthaft an einer Fortschreibung des Vertrags mit Nagano über 2013 hinaus interessiert.

Erstaunlich ist allerdings, wie lange es dauerte, bis die von Anfang an spürbaren Differenzen zwischen Nagano und Bachler offenkundig wurden. Die Berufung Naganos war schließlich keine Idee des ehemaligen Burgtheaterdirektors Bachler gewesen; der Dirigent hatte seinen Dienst an der Seite von Gerd Albrecht beginnen wollen, der dann aber kurz vor Amtsantritt 2006 zurückzog. Nagano sah sich gezwungen, zwei Jahre zu wursteln, schlug sich – wiewohl kein Kommunikationsgenie – erstaunlich gut, musste aber zurückstecken, als Bachler kam. Wer dessen Wiener Wege von der Leitung der Festwochen über die Volksoper bis hin zum Burgtheater verfolgt hat, der weiß, dass Bachler viele Vorzüge hat, andere Götter neben sich aber nicht gerne duldet. Und Nagano war gerade dabei, sich als Darling der Münchner Opernfreunde zu etablieren.

Das Staatsopernpublikum hatte lange Zeit in Zubin Mehta einen zwar hochimpulsiven, aber nicht übermäßig anwesenden Generalmusikdirektor gehabt. Vom Auftritt her und von der ästhetischen Ausrichtung handelte es sich um das genaue Gegenteil von Nagano. Mehta war der Mann, der den Opernkessel im Graben kochen ließ. Der heute 58-jährige Amerikaner mit japanischen Wurzeln ist eher einer, der wissen will, wie genau der Dampf strukturiert ist. Seiner bereits in Berlin als Chef des Deutschen Symphonie Orchesters gehegten Vorliebe für den Impressionismus bis hin zu seinem Hausgott Olivier Messiaen, aber auch für die gemäßigte Avantgarde blieb er in München treu. Im Bayerischen Staatsorchester hat er bis heute einigermaßen loyalen Rückhalt, wenngleich nicht nur Freunde, und auch wenn ihm das Publikum nicht dauernd aus der Hand frisst, ist Nagano zur relativ festen Münchner Größe geworden.

Taktisch geschickt, ließ Bachler zunächst von anderen dirigieren, was ihm persönlich eher liegt. Italienisches Fach (etwa von Daniele Gatti zu seinem Amtsantritt) und schwere deutsche Oper. Man ging sich nach Möglichkeit aus dem Weg.

Überkreuz geraten sind der offensiv agierende Intendant und der stark zur Introvertiertheit neigende GMD in der Frage der Starbesetzungen, die Bachler, ein geschickter Machtmensch, mitunter angebracht findet, nicht zuletzt um der Münchner Society Genüge zu tun. „Tosca“ zur Eröffnung der Opernfestspiele ist ein sprechendes Beispiel: Dass die Staatsoper auf eine mottengrottenschlechte New Yorker Aufführung zurückgriff, kann indes nicht im Sinne von Nagano gewesen sein, war es aber wohl für das Empfinden des Kunstministers Wolfgang Heubisch, der unnötig preisende Worte für die Produktion fand.

Bachler, der sehr gute Auslastungszahlen vorweisen kann und auf eine zweite Amtszeit aus ist, wird eben diese zweifelsfrei bekommen. Offenbar hat er seine Bedingungen gestellt. Eine davon könnte der Abschied von Kent Nagano 2013 sein, und es klingt nicht wie ein Dementi, wenn Heubisch sich die Bemerkung abringt, er verfüge für den Herbst in dieser Frage „über einen Strauß von Möglichkeiten“.

Weiteren Gerüchten zufolge könnte Kirill Petrenko (Jahrgang 1972), ehemals Komische Oper Berlin, Naganos Nachfolger werden. Bachler hat sich immer schon gern bei der Förderung (und Formung) vergleichsweise junger Leute engagiert. Und Petrenko hätte den Vorteil, sofort abkömmlich zu sein, sollte Nagano vor der Zeit hinwerfen. Notgedrungen werden sich der GMD und der Intendant während der jetzigen Opernfestspiele noch öfter begegnen – und nicht immer liegt gleich ein ganzer Orchestergraben zwischen ihnen. Das wird eisig. Mirko Weber

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