Kultur : Götterfunken sprühen zweifach

Schuld an allem ist ein gewisser Barnet Licht, vor achtzig Jahren Leiter der Musikabteilung des Leipziger Arbeiterbildungsinstituts .Dem kam nämlich Ende 1918 als erstem die Idee, den Jahreswechsel musikalisch mit Beethovens neunter Sinfonie zu begehen.Punktgenau getimt, denn das als "Friedens- und Freiheitsfeier" angekündigte Konzert im Leipziger Kristallpalast unter Leitung von Arthur Nikisch begann am 31.Dezember 1918 um 23 Uhr, so daß das neue Jahr wohl exakt mit dem Schlußchor "Freude schöner Götterfunken" begrüßt werden konnte.Die zeitliche Übereinstimmung von Feierwerk und Anlaß wird heute längst nicht mehr so genau genommen, in einer von der Verfügbarkeit der Konzertsäle bestimmten Verteilungskurve lagern sich in den deutschen Großstädten die Aufführungen des Werks um den Stichtag herum.Auch die ideellen Ursprünge der Aufführung gerade dieses Werks zu Silvester sind längst hinter der Selbstrechtfertigung einer bürgerlichen Tradition verschwunden: Wo damals die von Arbeiterchören angestimmte "Ode an die Freude" Kriegsende und Beginn einer neuen, demokratischen Gesellschaft feiern sollte, dienen die zahllosen "Neunten" heute einer schwer bestimmbaren persönlichen Erbauung.Doch selbst die ist nicht immer gewährleistet, denn gerade die nachdenklicheren Künstler weigern sich, das Silvesterritual zu erfüllen, ein Großteil der Berliner "Neunten" sind auch in diesem Jahr reine "Mucken"-Veranstaltungen von Privatorchestern oder billigen Osteuropaimporten.

Von den öffentlich besoldeten Klangkörpern, von denen man noch am ehesten eigenständige Interpretationen erwartet, wagten sich zum Jahresende zwei an Beethovens Opus 125: Das Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) unter seinem Chef Rafael Frühbeck de Burgos und das krisengeschüttelte Orchester der Deutschen Oper unter Christian Thielemann, erstere unter Hinzuziehung des Rundfunkchors, letztere mit den hauseigenen Choristen.Das Opernorchester ist in keiner guten Verfassung, auch die "Neunte" steht spieltechnisch unter keinem guten Stern: Die Intonation der Streicher ist nur im offenbar besonders intensiv geprobten dritten Satz einigermaßen korrekt, die Bläser zeigen etliche Konzentrationsschwächen (nur die erste Oboe ist ein Lichtblick), das Zusammenspiel sowohl der Streicher untereinander (Pizzicati!) als auch der verschiedenen Orchestergruppen ist mitunter laienhaft unsauber.Unschärfen, die allein durch eine mitreißende Interpretation ausgeglichen werden könnten.Doch Thielemann kommt mit der großräumigen Satzarchitektur der "Neunten" nicht zurecht.Die extrem breiten Tempi sollen Feierlichkeit signalisieren, lassen aber nur die Strukturen zerfallen.Das setzt sich kleinteilig aus martialisch geschmetterten Passagen und sentimental verlangsamten lyrischen Momenten zusammen, reckt sich empor und fällt gleich darauf wieder zusammen.Eine Richtung, einen großen Zug auf das Finale hin gewinnt das nirgends - hier klingt Beethoven tatsächlich wie Pfitzner.

Erholsam dagegen, die schlichten musikalischen Tugenden von Frühbeck de Burgos am Werk zu hören.Der Spanier ist kein philosophischer, aufs Metaphysische zielender Musiker, besitzt aber ein Gespür für Proportionen und den Aufbau dieses Werks.Seine "Neunte" wahrt einen durchgehenden Puls: klar konturiert, ohne versäuseltes Ausweichen der Kopfsatz, voll Energie und blitzender Unrast das Scherzo.Selbst der - bei Thielemann zur vergrübelten Wagnerprohezeiung zerdehnte - langsame Satz bleibt cantabile, klingt tatsächlich sangbar und leicht.Und hat in seinem Gleichgewicht von schwebender Melodie und untergründigem Vorantreiben schon das Finale im Blick.Eine "Neunte" wie aus einem Guß, freilich auch mit einem (Konzert-)Orchester, bei dem Katastrophen wie an der Deutschen Oper auch an schlechteren Abenden einfach nicht passieren - leichte Intonationsschärfen der Violinen in den hohen Lagen deckt der Schauspielhaus-Hall milde zu.Da wird offenbar, was Beethovens Sinfonie jenseits aller Feierdiskussion zuallererst ist: großartige Musik.JÖRG KÖNIGSDORF

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