Kultur : Göttergrollen

Japanische Trommel-Tänze in der Berlin Arena

Christian Käßer

„Unsere Trommeln sind für uns wie Götter", erklärt Masa Ogawa, „wir sprechen mit ihnen, und versuchen, sie nie zu verärgern, weil sie sonst keine positive Energie zurückgeben." Das sagt er mit leiser, fast schüchtern wirkender Stimme, und wenn man die von Ogawa geleitete japanische Trommlergruppe Yamato hört, ist man froh, dass er mit Menschen anders kommuniziert als mit Göttern.

Um sich in Form zu bringen für den übermenschlichen Dialog, verbringt die 1993 gegründete Truppe sechs von sieben Vormittagen der Woche im Fitnessstudio, trainiert regelmäßig in der Schwimmhalle, und wenn das zweistündige Programm vorüber ist, stehen ihre zehn Mitglieder, trotz der imposant-muskelbepackten Oberarme über und über in Schweiß gebadet auf der Bühne. Pro Vorstellung, sagt Ogawa, nehme er ein bis zwei Kilogramm ab. Allerdings: Auch die Götter wirken in ihrer physischen Erscheinung in geradezu alttestamentarischer Weise mächtig. Ihr größtes Exemplar stellt sich mit einem Durchmesser von knapp zwei Metern und einem Körpergewicht von 450 Kilogramm vor und bevorzugt einen Schlägel, den man beim ersten Anblick für einen Cricket-Schläger halten würde.

Ist das dröhnende Geboller Kunst? Für die Japaner ist es zunächst etwas anderes: nämlich Teil ihrer spirituellen Tradition. Im siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde Nara, das in der Nähe von Osaka liegt, zur Hauptstadt des ersten japanischen Zentralstaates, der dann eine gewaltige kulturelle Blüte erlebte und der Region Yamato, deren Hauptstadt Nara war, Baudenkmäler wie den Horyu-ji-Tempel bescherte – dessen Haupthalle gilt noch heute als das weltweit größte Holzgebäude. Dorthin gelangte über Korea und China auch die Kunst des Trommelns und wurde ein fester Bestandteil des buddhistischen Ritus. Heute allerdings ist diese Tradition im Bewusstsein der Japaner kaum noch präsent, und so verwundert es nicht, dass auch die Mitglieder von Yamato, die sich schon durch ihren Namen der großen Geschichte verpflichten, als Jugendliche selbst eher Michael Jackson oder den Rolling Stones ihre Sympathien geschenkt haben. So wie Takeru Matsushita, den erst als 17-Jähriger ein Auftritt von Ogawas damaliger Formation an seiner High School fürs Trommeln interessierte .

Dabei merkt man der Show an, dass sie bei weitem nicht nur Wiedergabe alter Tradition ist. Zwar sind die Rhythmen und die zehn verschiedenen Instrumente (darunter auch Zupfinstrumente und eine Bambusflöte) konventionelle Elemente des Kultus, und auch wohl bekannte Schrittfolgen und Bewegungsabläuf fernöstlicher Kampftechniken sind zu sehen, aber damit begnügt sich Ogawa nicht: Ganz wie es Pop-Performances erfordern, interagiert man mit dem Publikum, bringt es zum Lachen oder Mitklatschen, und macht auch sonst ein bisschen Show. Niemand hat je bemerkt, dass die Götter darüber erzürnten.

Yamatos „Beat of the Spirit“, bis 15. Februar in der Arena Berlin.

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