Kultur : Götterkeil

Entdeckung: Cy Twomblys Skulpturen in München

Thomas Senne

Auch wenn seine hingekritzelten Chiffren zum Markenzeichen wurden – am Anfang des Wegs von Cy Twombly stehen Skulpturen. Bereits 1946 hatte der damals 18-Jährige aus Alltagsmaterialien Kunstobjekte zusammengebastelt. Für die Skulpturen-Ausstellung in der Alten Pinakothek in München hat Carla Schulz-Hoffmann allerdings keine der frühen Arbeiten ausgesucht, sondern präsentiert in neun Kabinetten 40 zwischen 1992 und 2005 entstandene Werke.

Abgesehen von drei Bronzeplastiken, die mit ihrer Patina wie Betongüsse aussehen, verwendet der Künstler ausschließlich objets trouvés und verfremdet diese Alltagsgegenstände mit Hilfe von dick aufgetragenem Gips und weißer Wandfarbe. Übereinander gestapelte Kisten, Bretter, Plastikeimer und Kartons finden ebenso Verwendung wie Äste, Kochlöffel oder Metallgegenstände. Ihre Verwandtschaft mit der Arte povera können diese Skulpturen nicht leugnen. Sie bestehen oft aus schlichten geometrischen Formen, Kuben und Zylindern, ruhen auf Sockelquadern oder umgestülpten Holztrögen und erinnern manchmal an Hybrid-Turmbauten aus dem alten Mesopotamien.

Da bohrt sich ein Blechkreisel in eine Kunststoffdose und wirkt wie der Donnerkeil eines mythischen Gottes, während sich drei übereinander geschichtete Röhrensegmente als Hommage an den „mathematischen Traum“ des Ashurnipal entpuppen, eines assyrischen Königs aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert. Twombly geht es jedoch nicht um historische Reminiszenzen. Geschichtliche und mythologische Verweise sind für ihn Spielmaterial. Auch moderne Literatur setzt er ein. So hat er Fernando Pessoa ein Monument gewidmet und es mit unbeholfen hingekritzelten Lettern versehen, die aus einem Poem des portugiesischen Dichters stammen. Auch der buddhistische Spruch „Om ma ni pad me hum“, der mit zerlaufener blauer Farbe auf eine zwei Meter hohe Stele geschmiert wurde, ist eher eine kalligrafische Fingerübung. Wichtiger als die Schriftzüge ist das Weiß, in das der Künstler alle Objekte getaucht hat. Im Tageslicht entfaltet diese Farbe als Nichtfarbe einen reizvollen Nuancenreichtum.

Nur bei einem weißgekalkten Katafalk en miniature setzen knallbunte Kleenex-Tücher in Gelb, Rot und Grün als Papierblumen grellfarbige Akzente. Wie die anderen Skulpturen bleibt auch diese Arbeit in einem merkwürdigen Schwebezustand. Vielleicht macht gerade diese Mischung die Faszination dieser Münchner Twombly-Schau aus.

Alte Pinakothek München, bis 30. Juli. Katalog 39 €

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