Kultur : Göttin der Stromlinie: eine Hommage an die Citroen DS

Alexander Porto

Seit Roland Barthes 1957 in seinen „Mythen des Alltags“ den damals neuen Citroen zur Göttin erhob, als superlativisches Objekt betrachtete und als „Wendepunkt in der Mythologie des Automobils“ bezeichnet hat, ist so viel Zeit vergangen, dass dieses Auto zu etwas wie dem rollenden röhrenden Hirsch bestimmter Kreise geworden ist. In aller Unschuld kann seither eigentlich kein alter Citroen mehr die außergewöhnliche, linke, vorsichtig-nichtkonforme Lebensart und den frankophilen Standpunkt markieren. Da liegen zuviele Filme, zu viele Klischees der Gaulloise-Werbung und zu viele zu abgehangene Bonmots von Ulrich Wickert davor. Berlin jedoch ist groß genug, um eine Nische zu bieten, in der, wie in der vergessenen Ecke eines großen Museums, ein unverstellter Glaube an die Ikone von einst überdauert und weitergepflegt werden kann. Das zumindest offenbart sich jetzt bei der Ausstellung mit dem eher stadtrand-autohauswürdigen Titel „Faszination Automobil“. Der italienische Fotograf Cesare di Liborio zeigt in der Galerie argus fotokunst Bilder, auf denen überwiegend Einzelteile der DS, des berühmtesten Citroens, zu sehen sind (unsere Beispiele: ihre Rück- und Vorderscheinwerfer).

Als wären sie dem berühmten Diagramm aus Pierre Bordieus „feinen Unterschieden“ entsprungen, gruppierten sich die Besucher der Ausstellungserföffnung um drei Pfeifenraucher, als seien sie eine Variante des damaligen Geschmacks; eine Geschmacksvariante, die sich graumeliert dieser vermeintlich seit dem Ende von Helmut Schmidts Kanzlerschaft ausgestorbenen Kulturtechnik des Tabakkonsums widmete, dem in der Raummitte gespielten Vibrafon lauschte, und neu-sachliche Schwarz-Weiß-Fotos betrachtete. Auf diesen sind Autoeinzelteile abgebildet, die als Einrichtungsgegenstände zweckentfremdet wurden. Eine Nockenwelle der Déesse musste als Tellerständer in der Küche, ihr Rücklicht als Badezimmerleuchte und ein geschwunges Karosserieteil als Sofatisch herhalten.

Die Fotos verraten damit alles über die ihnen und diesem Auto, der ausgeschlachteten Göttin DS, huldigenden Betrachter: Bewunderer, die ihren Traum, die „humanisierte Kunst“, das ehemals von einem anderen, französischen Stern gefallene Automobil, ausgeweidet und zerlegt haben. Und zu einem Sofatisch umfunktioniert haben. Einen Sofatisch aus einem Kofferaumdeckel herzustellen, das zeugt nicht nur von abgeschmackter Biederkeit, auf seine Weise ist diese buchstäbliche Dekonstruktion des Mythos auch einfach nur traurig. Arme Déesse, was haben sie aus dir gemacht! Sofatische und Tellerständer.

Galerie argus fotokunst, Marienstr. 26 (Mitte), bis 28. September, Mi–So 14–18 Uh r.

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