Kultur : Göttinnen im Studio

Edward Steichen, Fotograf der Schönen und Berühmten: eine Ausstellung in Wolfsburg

Bernhard Schulz

Kaum ein Fotograf von Rang wollte damals, 1923, mit seinem Namen für Modefotografien einstehen. Edward Steichen (1879–1973) hingegen bestand darauf, alle seine Aufnahmen für den Hochglanzverleger Condé Nast namentlich zu zeichnen. Damit war die Modefotografie in den Rang einer ernst zu nehmenden künstlerischen Beschäftigung erhoben, galt Steichen doch bereits zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung als einer der besten Fotografen der Welt. Fortan wurden die Aufnahmen Steichens zum Markenzeichen der Condé-Nast-Magazine „Vogue“ und „Vanity Fair“.

14 Jahre lang fotografierte Steichen mit aufwendigen Studioplattenkameras für das Verlagshaus. Der gebürtige Luxemburger hatte das Glück, „der rechte Mann am rechten Ort zur rechten Zeit“ zu sein, wie es der Fotohistoriker William Ewing ausdrückt. Ewing hat gemeinsam mit Todd Brandow Abzüge aller 2000 Aufnahmen aus dem Verlagsarchiv hervorgeholt, die dort all die Jahrzehnte als Beleg der Auftragsarbeit Steichens unberührt lagerten. Entsprechend frisch wirken die 200 ausgewählten, einheitlich in papierblattgroßem Format gehaltenen Abzüge auf schwerem Barytpapier an den Wänden des Kunstmuseums Wolfsburg. Die Ausstellung „Edward Steichen. In High Fashion 1923–1937“ will nicht mit Vergrößerungen oder gar Ausschnitten überwältigen, sondern zeigt die vom Fotografen gewählten Aufnahmen in vollem Umfang ohne jeden Beschnitt, wie ihn die Zeitschriftenmacher des Öfteren vornahmen. Steichen, der Vollprofi, hat sich darüber nie beschwert. In der Auswahl der Abzüge von einer Aufnahmesitzung war er von unbedingtem Qualitätsanspruch, so dass die jetzt gezeigten Fotos als sein Vermächtnis verstanden werden dürfen.

Bei Condé Nast folgte Steichen dem als exzentrisch gefürchteten Adolphe de Meyer, der zum Konkurrenzhaus Hearst wechselte. Meyers weicher Stil des „Piktorialismus“, der die künstlerische Fotografie seit der Jahrhundertwende beherrschte, blieb für Steichen anfangs weiterhin verpflichtend. Die landläufige Behauptung, mit Steichen habe schlagartig „die“ Moderne in die kommerzielle Fotografie Eingang gefunden, trifft nicht zu. Es dauerte gute fünf Jahre, ehe sich Steichen zu der scharf konturierten, von impressionistischen Verschwommenheiten freien Bildsprache entwickelte, die sein reifes Werk kennzeichnet.

Für „Vogue“ fotografierte Steichen Mode, für „Vanity Fair“ darüber hinaus Prominente. Die Hollywoodstars, die Steichen in seinem New Yorker Atelier, bisweilen auch in Kalifornien vor der Kamera inszenierte, waren die unbestrittenen Größen der Schauspielkunst. Und die Celebrities umfassten alle Bereiche, von der – auffallend stark vertretenen – Literatur bis zur Politik, aber auch bis zum Sport. Selbstbewusst sind sie alle: Steichens Stars stellen etwas dar, in jenem Wortsinn, der die Substanz hinter dem glänzenden Schein meint und eben nicht die bloße Hülle.

Man spürt, dass Steichen seine Protagonisten achtete; und ebenso, dass diese den Fotografen schätzten. Es sind Begegnungen von gleich zu gleich. In den dreißiger Jahren reduzierte Steichen den Hintergrund, der in der piktorialistischen Fotografie noch stimmungsvoll überladen war, auf einen bloßen Lichtschein, vor dem sich die Schauspielerin Elisabeth Bergner, der Weltmeisterboxer Primo Carnera oder US-Außenminister Cordell Hull gleichermaßen würdevoll wie unprätentiös abheben – Persönlichkeiten, die kein Drumherum benötigen; ebenso wenig wie die traumhaften Roben, die er vorführt. Gern bedient sich Steichen des sprechenden Details: die Stirnfalten des seltsam unerwachsenen Charles Laughton, das von der Hutkrempe beinahe verschattete Auge Ernst Lubitschs, das glänzende Telefon in der behandschuhten Hand des Filmmoguls Cecil B. DeMille. Die Flugpionierin Amelia Earhart mit ihrem faltenlosen Lausbubengesicht verkörpert das amerikanische Ideal des Flapper Girl, der selbstständigen jungen Frau der Zwischenkriegszeit – durchaus konträr zu den mondänen Models, die Steichen ansonsten konterfeite, die die Mode für die tätigkeitsfreien Oberschichtgattinnen auszuführen hatten. Umso besser, wenn Mode und Prominenz so nahtlos zusammenfindet wie in der Aufnahme Joan Crawfords „in einem Kleid mit Jackett von Schiaparelli“ 1932.

Etliche Aufnahmen wurden zu wahren Ikonen Hollywoods. Gloria Swansons bildfüllendes Gesicht hinter feinem Schleier muss 1924 eine Sensation an Direktheit gewesen sein. Marlene Dietrich nach ihrem Durchbruch in Hollywood 1932 dagegen ist der perfekte, vor allem auch perfekt inszenierte Star: die unerreichbare Leinwandgöttin. Dass Steichen übrigens die Moderne, aller technischen Aufgeschlossenheit zum Trotz, lediglich als Stil unter anderen verstand, macht sein Foto eines namenlosen Mannequins – damals genossen bloße Models noch keinen Kultstatus – in einem „Wassily-Sessel“ des Bauhaus-Meisters Marcel Breuer 1932 deutlich. Das Model trägt ein duftiges Kleid von Chanel, dessen prospektive Käuferinnen das Arrangement mit dem zeitgemäßen Sitzmöbel allenfalls als „apart“ goutiert haben dürften, kaum aber als vorbildlich für ihre Fifth-Avenue-Apartments.

Steichen blieb in den Jahren bei Condé Nast der Studiofotograf schlechthin, ungeachtet gelegentlicher Ausflüge ins reale Leben. Dort verwackelte ihm der junge Horowitz nämlich, und allein der übergroße Flügel macht das Bild dann doch zu einem Meisterwerk. 1929 hat Steichen ein Selbstporträt angefertigt; anfertigen lassen von seinen Assistenten, die ihm die Fotoplatten reichten und die Scheinwerfer richteten. Da hockt der Maestro vor dem machtvollen Schattenwurf von Plattenkamera und Beleuchtungsausrüstung, den Blick animierend zu seinem Modell gehoben.

Schade, dass die Wolfsburger Ausstellung lediglich Steichens Studiobilder zeigt. Denn ursprünglich war diese Auswahl nur eine Ergänzung zur Retrospektive, die jüngst auf Wanderschaft war und das ganze Lebenswerk zeigte, von den piktorialistischen Anfängen des genialen Jünglings bis zu den Ausstellungsgestaltungen als Leiter der Fotografieabteilung am Museum of Modern Art nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst im Kontext seiner Arbeit als Kriegsfotograf, den Experimenten als „neusachlicher“ Künstler kurz vor der Übersiedlung in die USA 1923 sowie den souveränen Ausstellungsgestaltungen der Jahre zwischen 1947 und 1962 erschließt sich die Lebensphase zwischen den Kriegen als - nebenbei weltweit höchstbezahlter – Studiofotograf. Dementsprechend ist es unerlässlich, neben dem Wolfsburger Katalog den der Retrospektive, „Ein Leben für die Fotografie“, heranzuziehen. Beide Bücher hätten den qualitätsbesessenen Steichen begeistert.

Der Name Edward Steichen ist hierzulande nie recht zum Begriff geworden. Und doch kennen wohl Millionen sein einflussreichstes Werk: die Ausstellung „The Family of Man“, die 1955 von New York aus auf Welttournee ging und ein optimistisches Bild der Menschheit zeichnete, zehn Jahre nach den äußeren und inneren Verwüstungen des Krieges. Aus diesem Optimismus hat Steichen zeit seines 94 Jahre währenden – und man darf wohl sagen: glücklichen – Lebens geschöpft. Er war eben „der rechte Mann am rechten Ort zur rechten Zeit“.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 4. Januar, Di. 11–20, Mi.–So. 11–18 Uhr. Katalog „In High Fashion“ im Museum 38 €, geb. 58 €; „Ein Leben für die Fotografie“, geb. 75 €. Beide im Verlag Hatje Cantz, Stuttgart.

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