Kultur : Göttliche Stellungskriege

Sophiensäle: Stefan Otteni inszeniert Kermani

Carsten Niemann

Die Frage nach der richtigen Stellung ist zweifellos ein existenzielles Problem. In den Sophiensälen, wo man sich jetzt unter dem Motto „Du sollst“ diesem Themenkomplex stellt, sind die Bedingungen günstig: Der Bühnenbildner Peter Scior hat einen riesigen flauschigen Teppich ausgelegt, auf dem vier Schauspieler – zwei Frauen und zwei Männer – in wechselnden Konstellationen gut abgefedert die ideale Paarungsposition proben: hintereinander, aufeinander, schräg übereinander. Statt der sagenumwobenen Leidenschaftlichkeit auf der einen oder der düsteren Verzweiflungsdramatik auf der anderen Seite, mit denen der Sexualtrieb ja gern kunstfertig aufgearbeitet wird, ist hier eher sportive Ratlosigkeit am Werk.

Dieser Ansatz des Uraufführungsregisseurs Stefan Otteni ist wohltuend. Denn die Textvorlage, ein Erzählungsband des habilitierten Orientalisten, Islamwissenschaftlers und für seine scharfsinnigen Reportagen und Essays geschätzten Publizisten Navid Kermani – eine Rezension seines neuen Romans „Kurzmitteilung“ findet sich auf der heutigen Literaturseite –, ist nicht unproblematisch. Es gibt für einen Regisseur leichtere Übungen, als Sätze wie „Sein Geschlecht, das sich vor ihren Augen aufrichtete, kam ihr vor wie eine Waffe“ oder „Er war betört, als seine Zunge in ihrer Mitte auf Wasser stieß“ auf die Bühne zu bringen.

Erzähltechnisch orientiert an den zehn Geboten, leuchtet Kermani mit seinem Prosaband „Du sollst“ grell ins zeitgenössische Schlafzimmer und stößt dabei, was Wunder, vornehmlich auf Frustration und Dissonanz. Die können zwar eine äußerst irdische Gestalt annehmen. Zum Beispiel, wenn eine Frau nach vollbrachtem Beischlaf ihren ignoranten Sexualpartner mit einer abgebrochenen Mineralwasserflasche komareif schlägt oder ein Mann mit gebotener Bestürzung konstatiert, dass er seiner auf bodenständige Verbalerotik stehenden Frau leider nur „ficken“ und „Fotze“ anbieten kann, bis ihm die lyrische Potenz ausgeht.

Aber dieses gelegentliche dirty talking ändert nichts am Grundton: Für Kermani ist die körperliche Liebe – jämmerliches Scheitern hin oder her – mit einer unbedingt göttlichen Dimension verknüpft. Zeitgenossen, die dagegen auch durchaus pragmatische Züge am Sex entdecken und im Bett nicht in erster Linie mit Transzendenz, sondern schlicht mit körperlichem Vergnügen beschäftigt sind, können bei der Lektüre dieses Buchs bisweilen Schwierigkeiten bekommen.

Insofern ist es im positivsten Sinne überraschend, wie Otteni, der Kermani schon aus gemeinsamen Tagen im Mülheimer Theater an der Ruhr Mitte der neunziger Jahre kennt und diese Produktion ein Jahr lang vorbereitete, den Überbau abgeworfen hat, ohne dem Text dabei Unrecht zu tun. Denn die Bühnenfassung behält die Erzählperspektive aus der dritten Person bei und den Text so auf Distanz. Die Schauspieler – Carmen Dalfogo, Katharina Linder, Christian Kerepeszki und Oktay Khan – verleiben sich die Figuren nicht ein, sondern beobachten sie (und damit sich) beim Sexgespräch vielmehr permanent selbst.

Man amüsiert sich über blumige Formulierungen und kann für die eine oder andere Bettgeschichte partout keine Entsprechung im eigenen Erfahrungsschatz finden, um sich bei anderen Gelegenheiten wiederum heftiger ins Geschehen zu verstricken, als man von sich erwartet hatte. Otteni bebildert den Text nicht, sondern lässt ihn auf offener Bühne befragen. „Er selbst war sich ein Forschungsfeld, er hatte keinerlei Scheu, auch von intimen und peinlichen Dingen zu erzählen, um eine Auffassung zu illustrieren.“ Diese Aussage, die über einen symbolträchtigen, in Gestalt Frank Büttners wortkarg über die Bühne streichenden Religionsprofessor getroffen wird, ist in aller Konsequenz programmatisch für den Abend.

Ottenis feiner Neurosenkatalog heutiger Beziehungstäter und -verweigerer ist mit knapp zwei Stunden vielleicht etwas episch geraten. Andererseits: Die klassische Paarung, das permanente Missverständnis, kennt nun mal eher die ewige Variation des Immergleichen als die dramatische Steigerung.

Der Abend ist so etwas wie Ottenis Berlin-Comeback. 1999 in der Nachfolge Thomas Ostermeiers als dramatischer Frische- und Jugendlichkeitsbeauftragter ans DT engagiert worden, kollidierten seine Auffassungen von jungem Theater seinerzeit schnell mit denen des damalige Intendanten Thomas Langhoff und vieler Kollegen. Von einem Intermezzo am Gorki mit Moritz Rinkes „Republik Vineta“ vor fünf Jahren abgesehen, das der selbstkritische Otteni selbst nicht zu seinen gelungensten Inszenierungen zählt, arbeitete er nach der Trennung von den DT-Kammerspielen an renommierten Häusern wie dem Schauspiel Hannover oder den Münchner Kammerspielen und ist nun mit „Du sollst“ erstmals wieder in Berlin zu sehen.

Wieder 11. – 15.4., jeweils 20 Uhr

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