Götz Alys neues Buch "Volk ohne Mitte" : Wir Fretwursts

Die Schulden und die Schuld der Deutschen: Götz Alys Essaysammlung über ein Volk zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus, ein "Volk ohne Mitte".

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Der Berliner Historiker Götz Aly
Der Berliner Historiker Götz AlyFoto: Imago

In seinem 2013 veröffentlichten Buch „Die Belasteten“ über die Euthanasiemorde erklärt Götz Aly ganz am Ende, warum er sich darin weniger mit den Tätern als den Opfern auseinandersetzt. Ihm seien „das penible Nachzeichnen der späteren Karrieren, der Ausflüchte, des fehlenden Schuldbewusstseins der Mörder weniger bedeutsam als noch vor 30 Jahren erschienen“, deshalb habe er manche Gewichte seines Buches lieber zugunsten der Ermordeten verschoben.

In seinem neuen Buch „Volk ohne Mitte“, einer Sammlung von Essays und Reden aus den vergangenen 17 Jahren, setzt sich der Berliner Historiker zumindest in einem Text ausschließlich mit den NS-Hirnforschern auseinander, insbesondere mit deren Nachfolgern und damit, wie diese mit den Befunden und Präparaten aus der NS-Zeit bedenkenlos weiterforschten, dabei zu jeder Vertuschung bereit. Das tut Aly allerdings primär in eigener Sache: um zu dokumentieren, wie die Max-Planck-Gesellschaft in den achtziger Jahren versuchte, seine Nachforschungen über die Euthanasiemorde zu behindern, bis hin zu Zweifeln an seiner wissenschaftlichen Redlichkeit und dem Verschwindenlassen von Ordnern.

Die zwölf Jahre NS-Herrschaft lassen sich als ein Kontinuum der deutschen Geschichte verstehen

Natürlich hat diese Geschichte ihre bezeichnenden Momente, passt sie zu der Uwe-Johnson-Figur Fretwurst, mit dem Aly sein Buch einleitet, einer Figur, die im Nationalsozialismus genauso gut zurechtkam wie danach in der SED-Diktatur und den Aly beim damaligen Wehrmachtssoldaten Böll genauso gespiegelt sieht wie bei dem Kunsthändler Gurlitt oder dem Hirnforscher Hallervorden. Und doch steckt in „Weitere Elaborate Alys verhindern“, so der Titel des Textes, viel Kleinklein, bleibt der Erkenntniswert auf die Länge von fast 40 Seiten eher bescheiden, gerade im Vergleich zu Alys Buch „Die Belasteten“.

Was insofern schade ist, als dass diese Dokumentation nur einer von zwei neuen Beiträgen von „Volk ohne Mitte“ ist, neben einem Porträt des Ökonomen und Sozialphilosophen Wilhelm Röpke, der von den Nazis von seinem Marburger Lehrstuhl vertrieben wurde, im Sommer 1933 ins Exil ging und später einer der geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft wurde. Doch die älteren Aufsätze von Aly sind allemal lohnend, die Ludwig-Börne-Preisrede, der in vier Etappen niedergeschriebene Text über die deutschen „Nutznießer des Mordens“ oder der Vortrag über die Historiker Theodor Schieder und Werner Conze.

Durch all sie zieht sich, so unterschiedlich die Anlässe für sie und ihre Aufhänger sind, ein roter Faden: Die zwölf Jahre NS-Herrschaft waren keine Explosion, die unvorbereitet und aus dem Nichts kam, sondern lassen sich als ein Kontinuum der deutschen Geschichte verstehen. Und beteiligt war die gesamte deutsche Gesellschaft, nicht nur die Nazis, all die Fretwursts, all die willigen Vollstrecker, die nach außen sich auf ihre Wohlanständigkeit berufen, nach innen aber rücksichtslos auf ihr Wohlergehen fixiert waren und sind.

Aly porträtiert den Ökonomen und Sozialphilosophen Wilhelm Röpke - dieser ist ihm ein Bruder im Geiste

Neid, Kleinmut, Habgier, Eigennutz, die Angst, abgehängt zu werden, all das führt Aly geradezu gebetsmühlenhaft als Gründe für die NS-Ideologie-Empfänglichkeit der Deutschen ins Feld, dabei die Beschwörung der Unerklärbarkeit und Einzigartigkeit des Holocausts stets verdammend. So ist ihm gerade der 1966 verstorbene Röpke ein Bruder im Geiste: „Anders als viele Historiker im Deutschland der Nachkriegsjahrzehnte erkannte der Zeitgenosse Röpke den klassenübergreifenden Massencharakter der NS-Bewegung und deren starken Kern akademisch gebildeter Mitglieder und Sympathisanten bereits vor 1933.“

Es sind die Fretwursts, die Hitler im Blick hatte: die Millionen zählende, „ungenügend strukturierte, stets gefährdete Mitte“. Eine Mitte mit wenig Selbst- und Nationalbewusstsein – und deshalb im Umkehrschluss ein „Volk ohne Mitte“, das die Nazis zu einer „Masse der Mitte“ gemacht haben. Manchmal hat es etwas Obsessiv-Bohrendes, wie Aly seine Thesen erläutert, wie er der Geschichts- und Erinnerungspolitk in Deutschland unterstellt, den Massencharakter des Nationalsozialismus nicht wahrhaben zu wollen. Die Entlastung von Schuld durch eine ritualisierte Erinnerungskultur gibt es jedoch wirklich nicht, da ist Alys „pragmatische Skepsis“ genauso angebracht wie überhaupt bei der Vergegenwärtigung der Geschichte des 20. Jahrhunderts. „Jede Gegenwart ist eine Noterbin der Vergangenheit“, zitierte Aly in seiner Börne-Preis-Dankesrede Ludwig Börne, und jede Vergangenheit müsse „ganz, mit ihren Schulden und ihrer Schuld“ angetreten werden. Götz Aly, das beweist diese Aufsatzsammlung einmal mehr, ist dafür ein guter, kluger, nimmermüder Gewährsmann.

Götz Aly: Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. S. Fischer, Frankfurt am Main. 266 Seiten, 21,99 Euro.

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