Gojko Mitic : Indianer aller Länder

Gojko Mitic war der Vorzeigeindianer der DDR. Dem großen Serben der Defa, zum 70. Geburtstag.

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Häuptling Weiße Feder. Gojko Mitic in Konrad Petzolds „Der Scout“ (1983).Foto: defd
Häuptling Weiße Feder. Gojko Mitic in Konrad Petzolds „Der Scout“ (1983).Foto: defdFoto: defd Deutscher Fernsehdienst

Es war nicht gut, dieses 1965. Lauter gestörte Premieren und verbotene Filme. Aber gleich nach Ende des traurigsten Kinojahrs der DDR, im Februar 1966, geschah etwas Merkwürdiges: Das Volk strömte in die Kinos. Es sah den ersten Indianerfilm der DDR.

Der Produktionsleiter der Defa-Gruppe „Roter Kreis“ hatte den Satz „Und was, wenn wir jetzt auch Western drehen?“ mitten in das Schweigen seiner Kollegen fallen lassen. Natürlich nicht diese proimperialistischen Cowboyfilme, sondern vielmehr kinematografische Solidaritätsbekundungen mit dem natürlichen Klassenfeind der Yankees. Indianer aller Länder, vereinigt euch!

Trotzdem, die Regisseure – Kurt Maetzig oder Egon Günther – versuchten so auszusehen, als hätten sie die Frage nicht gehört. Einen Indianerfilm! Das wäre ja fast so, als sollten sie einen Krimi drehen! Nichts für Künstler. Und überhaupt, wo würden sie die Indianer herkriegen? Man entschloss sich schließlich, in Jugoslawien anzurufen, bei der Agentur, die den bundesdeutschen Karl-May-Filmern schon ganze Indianerstämme besorgt hatte. Kurz darauf klingelte bei dem jungen Sportlehrer Gojko Mitic, der gerade zu einem längeren Extrem-Skiurlaub aufbrechen wollte, das Telefon. Der Augenblick, in dem er seine Reisetasche noch einmal absetzte, ist die Geburtsstunde des DDR-Indianerfilms.

Begonnen hatte Mitics Filmkarriere, als sein Lehrer an der Sporthochschule kritisch die Reihen gemustert hatte: Kann hier jemand reiten? Es ging um einen englischen Ritterfilm, und der Hauptdarsteller sah sich außerstande, in voller Rüstung auf galoppierenden Pferd zu sitzen, verfolgt von 250 weiteren Pferden. Mitic dachte nur: Wird ganz schön klappern, wenn ich da jetzt runterfliege!

An dieser Stelle lassen sich bereits zwei Haupteigenschaften des obersten DDR-Indianers festhalten: Er wird sich zu fast gar nichts außerstande sehen – und nur irgendwo runterfallen, wenn das Drehbuch es ausdrücklich verlangt. Einzig die Friedenspfeife bleibt ihm eine große Verlegenheit, 20 Wiederholungen einer einzigen Tabakszene eingeschlossen. Hatte nicht Gojko Mitics serbische Großmutter dem Jungen eingeschärft, dass ein Mann nur zwei Hauptfeinde habe: Alkohol und Zigaretten? Er glaubt ihr das bis heute.

Der Film, für den die DDR-Bürger nun die Kinos stürmten, hieß „Die Söhne der Großen Bärin“ und handelte von dem jungen Häuptling der Dakota Tokei-ihto und seinem Bruder Tobias (Rolf Römer). Beide haben ein typisches 68er-Problem: Wir kommen mit der Weltsicht unserer Väter nicht mehr weiter – zumindest nicht jetzt, wo die Bleichgesichter im Land sind!

Die Regierenden sahen den Erfolg und fragten sich: Was haben wir falsch gemacht? Aber Tokei-ihto und Tobias verkörperten durchaus die kämpferische Einsicht in die revolutionäre Situation des indianischen Volkes. Und das Widerständlerische war auch dem Sohn einer Bauernfamilie aus Stojkovce, Südserbien, durchaus vertraut: Gojko Mitics Vater hatte während des Zweiten Weltkriegs bei den jugoslawischen Partisanen gekämpft.

Gojko Mitic stand bald für alles, was es in der DDR nicht oder nur schwer gab, unbedingte Selbstverantwortung etwa oder die große weite Prärie. Es folgten über zehn große Indianerfilme und zwischendurch immer wieder die Einsicht: Der kann auch anders! Ob im Nichtindianerfilm, auf der Bühne, als Sänger oder Kinderfilmregisseur oder – ein Indianer fürchtet sich nicht! – später, nach 1990, in erzkapitalistischen Produktionen wie „Verbotene Liebe“. Vor allem aber wurde er 1992 der Bad Segeberger Winnetou, Pierre Brice fühlte sich zu alt. Und die Leute fragten: Wer ist das denn?

Immerhin: Die echten Indianer hatten inzwischen seine Filme gesehen. Als Gojko Mitic zum ersten Mal in Seattle aus dem Flugzeug stieg, kam einer auf ihn zu und sagte: „My brother!“ Und soeben verlieh ihm seine Heimat Serbien die „Goldene Nadel der Diaspora“.

Am morgigen Sonntag wird der größte Indianer der DDR siebzig Jahre alt.

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