Kultur : Gold und Glas

Piepenbrock-Preis für Fritsch und Kwade

Christina Tilmann

Selten passten Preisträgerinnen so gut zusammen wie diese – ein Zufall bei den beiden völlig unterschiedlich besetzten Jurys. Die Verleihung der PiepenbrockPreise für Skulptur, die anlässlich des 20. Jubiläums des Preises auch Bundeskulturminister Bernd Neumann mit seiner Anwesenheit – und einer Grundsatzrede zum Thema Stiftungen – beehrte, erschien in diesem Jahr besonders schlüssig. Die Düsseldorfer Künstlerin Katharina Fritsch, diesjährige Trägerin des mit 50 000 Euro hoch dotierten Preises, und die Berlinerin Alicja Kwade, die mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde, verbindet weit mehr, als sie nach Herkunft und Alter trennt. Beide arbeiten, natürlich, skulptural. Beide arbeiten aber vor allem höchst gegenständlich skulptural, indem sie aus vertrauten Alltagsobjekten höchst surreale, unheimliche Bilder schaffen. Arbeiten, die sich auf den ersten Blick erschließen und dennoch, mit Langzeitwirkung, erst im Nachhinein ihre volle Wucht entfalten.

Zu leicht etwa, Katharina Fritschs berühmteste Arbeiten nur als bildgewordene Pointen zu verstehen. „Mann und Maus“ von 1991 zum Beispiel, eine höchst naturalistische Installation, in der eine monströs überdimensionierte schwarze Maus rittlings auf einem weißen, im Bett liegenden Mann hockt, hat wahre Alptraumqualitäten. Füssli und Goya, Kubin und Redon zitiert Laudator Armin Zweite, um die emblematische Qualität dieser auf den ersten Blick so eingängigen Arbeit zu begründen. Oder „Rattenkönig“, der geschlossene Kreis aus schwarzen Riesenratten, deren Schwänze sich zum tödlichen Knoten verflochten haben: eines der „strengsten, beunruhigendsten Bilder der letzten Jahre“, so Zweite. Die Gruppe, der Rattenkreis, verteidigt das, was ihn am Ende umbringen wird. Das sind Verbildlichungen einer Märchenwelt, die mit ihren Doppelgänger-Motiven, ihrer Ent-Indiviualisierung an kollektive Ängste rühren. So hinterrücks unheimlich kann Kunst sein.

Langzeitwirkung auch bei der 1979 in Katowice geborenen Alicja Kwade, die anlässlich des Nachwuchspreises mit einer noch bis 24. August laufenden Ausstellung im Werkraum des Hamburger Bahnhofs geehrt wird. Die Frage nach Wert und Zeit, die sich angesichts des mit 12 500 Euro üppig dotierten Nachwuchspreises stellt, verknüpft Moderator Eugen Blume naheliegenderweise mit Kwades Skulpturen. Da wimmelt es von Uhren, die statt Ziffernblättern Spiegel tragen, deren Uhrwerke unendlich langsam Bohrer in die Wand treiben oder die, ziffernblattlos, den Zeitverlauf nur durch ihr Ticken verkünden. Gleichzeitig geht Kwade, wie König Midas, mit Wunderhand heran und verwandelt wertlose Alltagsgegenstände in Gold. Indem sie Kohlebriketts vergoldet, Kieselsteine wie Diamanten schleift oder unzählige leere Champagnerflaschen zu feinem grünem Staub mahlt. Eine volle Flasche dürfte sie sich nun auf ihren so verdienten Preis öffnen. Christina Tilmann

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