Kultur : Goldene Töne, kommt ihr wieder

Beim Festival in Luzern treten die besten Musiker der Welt an, um gemeinsam im Klangsee zu baden

Christiane Tewinkel

Das Lucerne Festival Orchestra muss man sich vorstellen wie ein Kinderferienlager, bloß für erwachsene Musiker. Unter ihrem Orchestergründer Claudio Abbado sitzen herausragende Künstler beisammen und spielen, als hätten sie nie etwas von „Soloauftritt“ oder „Exklusivvertrag“ gehört: die Klarinettistin Sabine Meyer, der Trompeter Reinhold Friedrich, die Cellistin Natalia Gutman oder der Bratscher Antoine Tamestit, der 2004 den ARD-Wettbewerb gewann. Die Konzertmeisterposition hat Kolja Blacher inne als Galionsfigur eines Ensembles, dessen Vorzug in eben jener eigentümlichen Mischung aus absoluter Elite und Basisdemokratie liegt. Die überragende künstlerische, ja noch die rein akustisch-dynamische Potenz dieser Truppe bleibt stets fühlbar, auch wenn sie nicht permanent ausgereizt wird. Glücklicherweise nicht. Denn im Konzertsaal des 2000 eröffneten KKL Luzern (metalldurchwirkt, ebenso selbstbewusst-avantgardistisch wie elegant am Vierwaldstätter See gelegen, mit Seezungen, die bis ins Foyer hineinreichen) würde den Zuhörern andernfalls sicherlich das Ohr klingeln.

Die Eigenschaften des von dem amerikanischen Starakustiker Russell Johnson entworfenen Saals sind scheinbar nicht zu übertreffen: So schnell, ja babylonisch verwirrend, wie Klänge und Stimmen hier präsent werden und sich in den Kopf hineinsetzen, kann man gar nicht hören. Oder: Noch wenn der Nachbar im Programmheft blättert, tönt das wie eine Papierlawine. Oder: Ähnlich leis sich wegschleichende Flötentöne, so duftige Streicherwolken sind kaum vorstellbar.

Zum Beispiel am Abend gleich nach der Festivaleröffnung mit Cecilia Bartoli. Auch in diesem zweiten Konzert wird Mahlers Sechste gegeben, doch nicht „tragisch“, wie es ihr Untertitel verheißt, vielmehr ohne jede Gewalt, unvulgär, kreischend höchstens in den wenigen Passagen, in denen das hohe Blech sich des Hauptthemas in a-moll annimmt. Abbado steht ganz im Lot, mit einer offenen linken Hand, die das Orchester nur leicht reizen muss, damit es hervorspringt. Den Hörern aber schlagen die Streicherklänge des Andante überm Kopf zusammen wie ein Meer, der Eingang zum Finale sprudelt aus phosphoreszierenden Untiefen hervor. Dass die Musik nach den großen Hammerschlägen fortfährt, als sei doch nichts gewesen: ein Unding.

Thomas Quasthoff hatte sich zuvor engagiert durch die mitunter zähe, von plötzlich auffahrenden Tonmalereien durchsetzte Vertonung der „Jedermann“-Monologe durch Frank Martin rezitiert-gesungen – und so genügte auch dieses Konzert dem diesjährigen Omnivoren-Motto „Sprache“. Bis in die letzten Tage des bis zum 17. September dauernden Festivals hinein werden immer wieder Sprachvertonungen präsentiert, darunter Mahlers 8. Symphonie, Schönbergs „Überlebender aus Warschau“, Weills „Berliner Requiem“ und Bernsteins 3. Symphonie „Kaddish“.

Zum von Michael Haefliger verantworteten Festival gehört aber auch ein Reigen von Kammermusiken, Uraufführungen und Abenden mit Neuer Musik. Die Exklusivität dieser Veranstaltungen scheint dem urbanen, beschützt-beschützenden Ambiente des Hauses ebenso angemessen, wie sie zum Luzerner Dauerregen dieser Tage passt. Herrlich geheim fügte sich da etwa eine Nacht mit Schlagzeug-Musik ein – Raymond Curfs, Gianluca Saveri, Dirk Wucherpfennig und Hans Zonderop erinnerten daran, was auf dem Schlagzeug möglich ist, so in der Suite en concert von André Jolivet von 1965, mit einem fabelhaften Jacques Zoon an der Flöte.

Und wären günstigere Samstagnachmittagsbeschäftigungen denkbar, als Kleinmusik von Brahms oder Bruckner zu lauschen, ebenfalls gespielt von Mitgliedern des Festivalorchesters? Bruckners Quintett für Violinen, Violen und Cello mit seinen sonderbar orchestral gefassten Schlüssen beispielsweise oder Brahms’ Streichsextett Nr. 1 und dessen Zwei Gesänge op. 91 – durch die der Bratscher Wolfram Christ führt, unerkannt fast, mit so weichem Ton, dass er zur Seite hin auszufließen scheint.

Dann jener Nachmittag mit Dvoráks Notturno op. 40, deren effektvolle Orgelpunkt-Pizzicati der Kontrabassist Andreas Wylezol nimmermüde intoniert, zeitenthobenene Musik, die ihre Zuhörer ansaugt wie ein schwarzes Loch. Schwierig dagegen, am selben Nachmittag, Richard Strauss’ Sextett von 1940 – 43 und seine „Metamorphosen“ in der Version für Violinen, Bratschen, Violoncello und Kontrabass: Der kleinen Gruppe mit ihrer Primaria Latica Honda-Rosenberg hätte es gut getan, die harmonischen Aufbauten ihrer Stücke zu durchleuchten; wenig fühlte man sich an die Hand genommen, kaum geleitet durch die endlos sich vorwärtswälzenden Süß- und Herbklänge der Strauss’schen Musik.

An den deutschen Komponisten Matthias Pintscher, neben HK Gruber composer-in-residence, war ein Kompositionsauftrag ergangen, dessen Ergebnis am Sonntag vorgeführt wurde. Auf seiner goldenen Flöte hechelt, spuckt, haucht und bläst sich da der Berliner Philharmonische Soloflötist und Luzerner „artiste étoile“ Emmanuel Pahud durch „Transir“, immer nach jenem Übergang zwischen Ton und Stille forschend, den der Komponist mit diesem Werk ins Hörfeld zu rücken sucht, Solokadenzpassagen mit trillerartigen Klappenspielen inklusive.

Es war der Mittelteil eines bemerkenswerten Abends mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding, bemerkenswert ob der ungeheuren Farbkraft dieses Ensembles, stärker fast noch als beim „großen“ Festivalorchester – in dem im Übrigen viele Mahler-Mitglieder spielen. Harding, energiegeladen, luftikussig, stets mit offenem Mund anleitend, führt sein Orchester durch ein einzigartig buntes Webern-Bachsches Ricercar und eine fast haltlose, fast anstrengend lebendige Achte von Schubert. Exzellente Solisten auch hier, allen voran Mizuho Yoshii mit ihrer quicklebendigen Oboe.

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