Kultur : Goldene Zeiten für Diebe und Hehler

Krieg, Chaos, Plünderungen: Die Weltkultur-Schätze im Irak sind nicht nur durch Bomben bedroht

Jens Hinrichsen

Von „chirurgischer Präzision“ ist nicht mehr die Rede. „Wir müssen reparieren, was wir zerbomben“, lautet die neue Parole des Pentagon. Doch manches wird man nicht reparieren können. Im heutigen Irak, dem antiken Mesopotamien, liegen einige der ältesten archäologischen Stätten der Menschheit. Babylonier, Assyrer, Chaldäer, Sumerer und Semiten siedelten hier, Städte wie Ur, Babylon, Assur und Ninive gehören zu den ältesten Großsiedlungen der Welt. Insgesamt schätzt man die Anzahl der historischen Stätten in der Region auf 10000. Viele von ihnen liegen in der Nähe der jetzigen Angriffsziele.

Der neue Krieg im Irak weckt daher die alten Befürchtungen von Kunstexperten weltweit. Archäologen in den USA drängen ihre Regierung seit Monaten, dem kulturellen Erbe im Irak Beachtung zu schenken. Margarete van Ess vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin lobt die Arbeit ihres amerikanischen Kollegen MacGuire Gibson. Der Mesopotamien-Experte aus Chicago hat Listen vorgelegt, welche die Kriegsherren über hoch gefährdete Kulturgüter informieren, die für den Laien häufig nicht sichtbar sind. „In der südirakischen Ebene birgt jeder Hügel eine Kulturstätte“, betont Margarete von Ess. Sie selbst ist für die Grabungen in Uruk zuständig. „Nur fünf Prozent sind ausgegraben, es könnte also einiges zerstört werden.“ Immerhin liegt ein Militärflughafen der Irakis in der Nähe. Unweit einer anderen Stätte von weltkultureller Bedeutung, dem Grabungsgelände von Ur, werden alliierte Panzer durchrollen, dort, wo das besterhaltene Zikkurat (Stufentempel) überhaupt steht. Und in Babylon hat sich Saddam Hussein mit einer Palastanlage an historischer Stätte in die Erbfolge der alten Könige gestellt. Dort werden Waffenlager vermutet.

Die islamische Architektur in den Städten ist besonders gefährdet. In Kerbala, hundert Kilometer südwestlich von Bagdad, befindet sich die Grabmoschee Husains, eines der bedeutendsten schiitischen Heiligtümer. Ebenso bedroht sind die Moscheen in Bagdad und das Irak–Museum, das unweit von Regierungsgebäuden liegt, die schon im letzten Golfkrieg Ziel amerikanischer Präzisionswaffen waren. In diesem Nationalmuseum, das einen Großteil der archäologischen Funde beherbergt, hat man schon einen Teil der Sammlung ausgeräumt. Die Umsicht der irakischen Denkmalschützer ist bekannt. Schließlich hatte das Kulturerbe hohe Priorität für Saddam Hussein, der sich in der Folge Nebukadnezars und anderer Herrscher sieht. Auch in der Bevölkerung ist das Selbstverständnis einer Kulturnation verwurzelt.

Schon das Embargo seit dem Golfkrieg 1991 hat nach Ansicht der Fachleute schlimme Folgen nicht nur für die irakische Bevölkerung, sondern auch für die Kulturschätze. Im Südirak war die Regierung gezwungen, Flächen urbar zu machen, archäologische Stätten wurden planiert. Dies legen Satellitenaufnahmen nahe, wie MacGuire Gibson in der Zeitschrift „Science“ berichtet.

Die größte Sorge bereitet den Fachleuten das zu erwartende Chaos nach dem Krieg. Margarete van Ess: „Es wird zu massiven Ausplünderungen von Antikenstätten kommen.“ Die Kritik gilt schon jetzt ausländischen Sammlern, die sich über Umschlagplätze wie London solche Güter beschaffen und über eine „goldenes Zeitalter für Sammler" frohlocken. Die Fachleute sind sich einig, dass nach dem Krieg die irakische Kulturverwaltung gestärkt werden muss; eine Schwächung der „strengsten Antikengesetze der Welt“, so van Ess, kommt nicht in Frage. Bis zum Golfkrieg von 1991 arbeitete die irakische Behörde effektiv. Die Wiederherstellung dieser inzwischen finanziell und personell geschwächten Institution sei vordringlich. Eines aber betont van Ess: „Kulturgüter können vieles überleben, sie haben Jahrtausendende überlebt. Meine größte Sorge gilt den Menschen.“

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