Kultur : Goldener Baukasten

Berlins Gemäldegalerie würdigt den Architekten Schinkel als Bilderrahmer

Michael Zajonz

Vier Leisten, die die Welt bedeuten. Oder besser: eine ihrer möglichen Grenzen. Bilderrahmen können die Glaubwürdigkeit eines Gemäldes heben oder zunichte machen. In früheren Jahrhunderten wurden sie deshalb oft gemeinsam mit dem Bild konzipiert.

Einer der ersten Kunstwissenschaftler, der sich für historische Bilderrahmen interessierte, war Wilhelm von Bode. Unter historisch verstand Bode allerdings Leisten aus der Schaffenszeit der Alten Meister. In der Berliner Gemäldegalerie, deren Direktor er seit 1890 war, ließ Bode deshalb all jene Rahmen durch ältere oder Nachbauten historisch „passender“ Rahmen ersetzen, die Karl Friedrich Schinkel zur Eröffnung des Alten Museums 1830 entworfen hatte. Schinkel hätte, so polemisierte Bode, den gesamten Berliner Gemäldebestand mutwillig durch seine unpassenden klassizistischen Einheitsleisten verschandelt. Bodes Verdikt gegen Schinkels Rahmenentwürfe wirkt bis heute: Die Kunstwissenschaft hat sie bislang kaum ernst genommen. Die rund 200 erhaltenen Exemplare sind zum größten Teil im Depot verschwunden.

Doch nun zeigen die Berliner Museen mit „Ein Architekt rahmt Bilder. Karl Friedrich Schinkel und die Berliner Gemäldegalerie“ eine Ausstellung, die, so Galerie-Direktor Bernd W. Lindemann, „unsere eigene Geschichte revidiert.“ Die Kunsthistorikerin Bettina von Roenne hat sie als Vorgeschmack auf ihre noch nicht abgeschlossene Dissertation kuratiert. Sie räumt gleich mit mehreren Vor- und Fehlurteilen zu Schinkels Rahmenentwürfen auf.

So ließ Schinkel beispielsweise nicht alle 1196 Gemälde, die für die Ersteinrichtung des Alten Museums vorgesehen waren, neu rahmen. Schinkel-Leisten erhielten lediglich rahmenlose oder unzureichend gerahmte Bilder: etwas mehr als 600 Werke. Eine Erfindung ist auch Bodes Behauptung vom Schinkel’schen Einheitsrahmen. Tatsächlich entwickelte der detailversessene Architekt des Museums neben individuellen Prunkrahmen für einige besonders geschätzte Bilder wie Raffaels „Madonna Colonna“ oder die 1830 Mantegna zugeschriebene Engels-Pietà von Giovanni Bellini sogar sechs verschiedene Typenrahmen.

Zur Verfügung standen vier unterschiedlich breite klassizistische und zwei gotisierende Profile. Durch die Dekoration mit in Blei gegossenen und vergoldeten Ornamenten wie Palmetten, Akanthusblättern, Rosetten und gedrehten Stäben entstand eine Art Baukastensystem, das eben keine einheitliche Galerierahmung (wie etwa in Dresden) darstellte, sondern individuell angepasst wirkt und dennoch bei dichter „Petersburger Hängung“ optisch ruhige Rauminszenierungen erlaubt. Der Perfektionist Schinkel fand, trotz des enormen Kosten- und Zeitdrucks, viel mehr als einen Kompromiss.

Einige seiner Entwürfe für das Berliner Museum hat Schinkel leicht variiert auch in der Loseblattsammlung „Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker“ publiziert. Sie standen damit der Vervielfältigung offen. Rahmen nach Entwürfen Schinkels sind heute außerhalb des Museums trotzdem äußerst rar. Bis auf drei Ausnahmen entpuppten sich alle Stücke aus dem Kunsthandel oder Privatbesitz, die Bettina von Roenne überprüft hat, bestenfalls als Rahmen im Schinkel-Stil.

Gemäldegalerie am Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 31. Juli, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag 10-22 Uhr.

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