Kultur : Goldgrundvariationen

Ein wiederentdecktes Tizian-Gemälde floppt bei den Londoner Altmeister-Auktionen

Matthias Thibaut

Gekonnt heben zwei Männer in weißen Handschuhen den Tizian auf die Staffelei. Das „Porträt einer Dame mit ihrer Tochter“ soll der krönende Abschluss der von guten Angeboten und begierigen Käufern beflügelten Christie’s-Auktion werden. 16,5 Millionen Pfund sind bereits eingenommen; der Hunger nach großen Altmeisterbildern ist fast unstillbar. „Fangen wir mit 3 Millionen an“, ruft Auktionator James Bruce-Gardyne. Doch dann klingt er plötzlich gar nicht mehr so zuversichtlich. „Mal sehen, ob das abgeschrubbte Ding einen Käufer findet“, spottet ein zynischer Beobachter.

Fünf bis acht Millionen Pfund erwartet Christie’s für das Gemälde, an dem sich Kunstwissenschaftler, Röntgenspezialisten und der Meister-Restaurator Alex Cobbe zwei Jahrzehnte lang zu schaffen gemacht haben, nachdem 1975 die in einem Röntgenbild entdeckte Untermalung eines mittelmäßigen Bildes als ein Werk Tizians identifiziert wurde.

Vor 400 Jahren, nach dem Tod des Künstlers 1576, malte ein Tizian-Schüler das mittelmäßige Doppelporträt „Tobias und der Engel“ über die unvollendete Arbeit seines Lehrers. Die Frau mit dem blonden Haar bekam Flügel und lockiges Haar, auch das Kind wurde umfrisiert und erhielt ein neues Kleid. Das Gemälde gehörte den russischen Zaren und kehrte 1937 über die Händlerfamilie Gimpel in den Westen zurück. 1948 wurde die Untermalung entdeckt. 1983 begann Restaurator Cobbe, die Farbschichten abzutragen. Tobias und der Engel wurden in Chemikalien aufgelöst, zum Vorschein kam ein neuer Tizian.

Doch im nüchternen Licht des Auktionssaals wiegt die Aufregung über die Entdeckung nicht die Enttäuschung auf, dass der originale Tizian eigentlich nur aus zwei schön gemalten Porträtköpfen bestand. Das Misstrauen bleibt, wie viel von des Meisters Hand ein solches Restaurierungsprojekt enthält. Niemand rührt den Finger. Die Telefone bleiben still. Mit seinem Schweigen senkt der Kunstmarkt den Daumen über das Experiment.

Nicht nur an dieser Stelle zeigen die Londoner Auktionen die Grenzen des Altmeistermarkts. Selten war das Angebot so umfangreich. Doch echte Meisterwerke sind dünn gesät. Immer wieder gibt es dramatische Bietgefechte, doch die Masse der Bilder lässt die Sammler kalt. Und für die breite Basis stagnieren die Preise.

Die rasante, aber etwas unübersichtliche Rubens-Ölskizze einer mythologischen Jagdszene bringt 3,1 Millionen Pfund (4,6 Mio. Euro): ein guter Preis, den das Bild aber auch vor zehn Jahren erzielt hätte. Überraschend dagegen der Top-Preis von umgerechnet 3,6 Millionen Euro für Bartolomé Esteban Murillos „Christus mit der Dornenkrone“. Ein Londoner Händler bezahlt für das Bild das Vierfache des Schätzpreises. Wie der Rubens stammt es aus der Lady Cook-Kollektion, einer bedeutenden Sammlung aus dem 19. Jahrhundert. Der bewegende, aber etwas süßliche Murillo war Inbegriff des damaligen, heute eigentlich nicht mehr geltenden Geschmacks.

Die Malerei des Trecento und Quattrocento profitiert vom knappen Angebot. Niemand ist überrascht, als die signierte Madonna mit Kind des Duccio-Schülers Naddo Ceccarelli aus der Sammlung Cook mit 1,24 Millionen Pfund (1,8 Mio. Euro) bei Christie’s an die Spitze gelangt. Aber die Auktionsserie bei Sotheby’s begann mit einer verblüffend heftigen Schlacht um eine anonyme, spätgotische Brüsseler Tafelmalerei, die mit 198 400 Pfund ihren Schätzpreis fast verzehnfacht. Der Londoner Händler Danny Katz bezahlt bei Sotheby’s eine runde Million Pfund (1,4 Mio. Euro) für eine Predella des florentinischen Mönchs Lorenzo Monaco. Die Goldgrundmalerei, lange ignoriert, ist wieder ein Marktfaktor.

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