Kultur : Goliath gegen Goliath

Für Greenpeace war es der letzte große Sieg, für Shell ein Desaster. Zehn Jahre später sagen beide, der Streit um die Brent Spar habe sie verändert.

Dagmar Dehmer

Am 24. Mai 1995 entdeckt die Junge Union in Nordrhein- Westfalen die außerparlamentarische Opposition. Als erste politische Gruppierung in Deutschland ruft die Nachwuchsorganisation der CDU zum Boykott des Ölkonzerns Shell auf. „Ein Ölmulti, der Entsorgungskosten vermeiden will, darf nicht mitten in Europa eine Bohrinsel mit mehr als 130 Tonnen öl- und arsenhaltigen Schlämmen in der Nordsee versenken“, sagt ein Sprecher. Bis die Firma von ihrem Vorhaben, die ausgediente Tank- und Öllagerplattform Brent Spar im Nordatlantik zu versenken, Abstand nehme, solle niemand mehr dort tanken. Am 12. Juni weist auch der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle seine Belegschaft an, Shell-Tankstellen weiträumig zu umfahren. Denn: „Wenn derartige Verbrechen an der Umwelt weiter erlaubt bleiben, verliert die europäische Umweltpolitik an Glaubwürdigkeit.“ Die damalige Umweltministerin Angela Merkel bläst ins gleiche Horn: Sie sei nicht oft mit Greenpeace einer Meinung, aber es sei einfach nicht richtig, dass der Shell-Konzern die Brent Spar im Atlantik versenken wolle. Sie verspricht, sich für ein Verbot dieser Art der Entsorgung einzusetzen.

Deutschland steht Kopf. Am 30. April hat Greenpeace – von der Öffentlichkeit noch nahezu unbemerkt – die Brent Spar 190 Kilometer nordöstlich der Shetland-Inseln besetzt, um gegen die geplante Versenkung zu protestieren. Am 20. Juni gibt Shell auf und verspricht eine Landentsorgung der Anlage. Dazwischen liegen Wochen des Aufruhrs an den Tankstellen. Shell-Pächter verlieren zwischen 20 und 50 Prozent ihres Umsatzes.

Der gescheiterte Versuch, die Öllagerplattform im Nordmeer zu versenken, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Ölkonzerns, und für die Umweltorganisation Greenpeace ist es die letzte große Kampagne im alten Stil. David gegen Goliath, Greenpeace gegen einen Ölkonzern, der das Meer als Müllkippe missbrauchen will. Für Shell ist es der letzte große Auftritt als arroganter, technokratischer Multi. Für beide endet mit der Brent-Spar- Kampagne die Zeit der Gewissheiten.

Zehn Jahre später sind Rainer Winzenried und Christian Bussau nach Berlin gereist und jeder erzählt seine Version der Geschichte. Winzenried war 1995 Pressesprecher der Deutschen Shell, heute ist er für die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns in ganz Mitteleuropa zuständig. Er spricht ruhig, denkt nach, bevor er antwortet. Der 52-Jährige sitzt in einem hellen Anzug an einem winzigen Tisch im Café Einstein und greift während des ganzen Gesprächs nur einmal in seine Aktentasche, um den neuesten Shell-Report herauszuziehen. Den Bericht, in dem Shell über seinen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung Rechenschaft ablegt.

Christian Bussau ist zu einer Tagung über den Hochwasserschutz gekommen. Er gehörte damals zu den Besetzern der Brent Spar, heute ist er immer noch Kampagner für den Meeresschutz. Bussau sitzt in heller Hose und hellem Hemd an der Spree vor dem Presse- und Informationsamt. Der 43-Jährige sieht nicht aus wie ein Regenbogenkämpfer, er sieht aus, als könnte er auch für Shell arbeiten, doch ihn hat der Konzern noch nicht abgeworben, auch wenn er sich „wirklich verändert hat“, wie Bussau sagt.

Vor zehn Jahren traf die Brent-Spar- Kampagne Shell völlig unvorbereitet. „Wir in Hamburg hatten keine Ahnung vom Off-Shore-Geschäft“, also der Förderung von Öl auf hoher See, sagt er. „Wir haben einige Zeit gebraucht, bis wir Brent Spar überhaupt kapiert hatten.“ Außerdem war nicht absehbar, welche Dynamik das Thema gewinnen würde. „Am Anfang war da überhaupt nichts los“, sagt Winzenried. Er lächelt ungläubig. Sein Gegenspieler Christian Bussau kam am 10. Mai 1995 auf die Brent Spar. „Wir waren felsenfest überzeugt, das Richtige zu tun“, sagt er heute.

Der Meeresbiologe ist von Greenpeace Deutschland gefragt worden, ob er sich von der nachhaltigen Forstwirtschaft, seinem damaligen Arbeitsgebiet, losreißen könne, um die Besetzer auf der Brent Spar zu verstärken. Und Bussau packte seine Sachen, ohne weiter darüber nachzudenken. „Mein Job war es, von Mitternacht bis sechs Uhr morgens die Schiffe rund um die Plattform zu beobachten, eine Art Wachdienst“, erzählt er. „Es war sehr langweilig. Es war kalt. Ich habe gefroren.“ Interessant sei es erst geworden, als Shell die Brent Spar räumen ließ. Den ersten Versuch unternahm der Konzern am 22. Mai. Doch hoher Seegang und stürmische Winde verhinderten zunächst, dass Shell sein seit 1991 ausgedientes Tanklager wieder in Besitz nehmen kann. Am nächsten Morgen um sechs Uhr enterten einige Mitarbeiter des Shell-Werkschutzes und einige schottische Polizisten die Plattform. Die Greenpeacer wollten keine Gewalt anwenden. Aber sie wollten, wie John Castle, der Kapitän ihres Schiffes, betonte, auch nicht freiwillig gehen. Überall auf dem 14500 Tonnen schweren Ungetüm versuchen die Besetzer, die Räumung aufzuhalten. Die Brent Spar hat 100 Meter Tiefgang, dort sind die Öltanks untergebracht. Es gibt ein Mannschaftsquartier und ganz oben einen Hubschrauberlandeplatz. Von dort aus arbeiten sich die Shell- Leute und die Polizei vor. Christian Bussau hat sich an einer engen Wendeltreppe, die vom Hubschrauberlandeplatz nach unten führt, festgekettet. „Da kam keiner vorbei“, sagt er und grinst noch immer zufrieden mit sich. Zwei Stunden später wird Bussau losgeschnitten und von der Plattform getragen.

Für den Shell-Mann Rainer Winzenried gehört die Räumung heute zum Kapitel „wenig sensibles Verhalten“. Dagegen kommt er nicht an. David Verney, der damals bei Shell in Großbritannien mit für die Entscheidung, Brent Spar zu versenken, verantwortlich war, sagt im Rückblick: „Ich habe geglaubt, dass wir die richtige Entscheidung gefällt hatten – technisch gesehen. Aber da gab es ein Herzensproblem, das wir völlig unterschätzt hatten.“ Für die meisten Menschen sei die Versenkung damit vergleichbar, dass jemand eine leere Cola-Dose in den Dorfteich wirft. Dass man es auch mit dem Fallenlassen einer Nadel in Loch Ness hätte vergleichen können, mit diesem Argument sei Shell nicht durchgedrungen, schreibt David Verney im „Daily Telegraph“. Rainer Winzenried sah schnell, dass er gegen die Dynamik der Kampagne kaum eine Chance hatte. Doch seine Kollegen in Aberdeen, die für das Off-Shore-Geschäft bei Shell zuständig sind, hielten die Proteste in Deutschland bloß für eine Art „kontinentales Ausrasten“. Außerdem hatte sich Shell UK die Entscheidung wirklich nicht einfach gemacht. Mehr als 30 Studien waren im Vorfeld der Entscheidung eingeholt worden. Am Ende beschloss Shell UK, das Versenken sei die Entsorgungsvariante mit den geringsten Umwelteffekten.

Denn die Brent Spar war schon bei ihrer Aufrichtung in den 70er Jahren beschädigt worden. Die Techniker bei Shell befürchteten, dass sie auseinander brechen könnte, wenn sie gekippt würde, um sie an Land zu bringen, und das hätte eine Verseuchung der Meeresoberfläche mit Ölschlämmen und leicht radioaktiven Salzen bedeutet, die noch in der Plattform lagerten. Auch die britische Regierung unter John Major hielt die Versenkung für die einzig vernünftige Entscheidung. Noch am 20. Juni, wenige Stunden, bevor Shell aufgibt, beharrt Major im Unterhaus darauf, Brent Spar zu versenken. „Am selben Tag bekannt zu geben, dass Shell die Versenkung stoppt: Das war ein ungeheurer Affront gegen die britische Regierung“, sagt Winzenried. Wochenlang hatten Major und sein Umweltminister John Gummer – der seine dreijährige Tochter Cordelia in einen Burger beißen ließ, um zu beweisen, dass der Rinderwahn ungefährlich ist – Shell genötigt, nicht klein beizugeben. „Auch Esso hat uns Druck gemacht zu versenken“, berichtet Winzenried. Esso ist an der Brent Spar zur Hälfte beteiligt, überlässt den Konflikt aber gerne der Partnerin Shell. Als es die ersten Anschläge auf Shell-Tankstellen gibt, hat Winzenried „das Gefühl, das gerät außer Kontrolle“. Er wird ernst, das verbindliche Lächeln, das er das ganze Gespräch über auf dem Gesicht hat, verschwindet kurz: „Da bekamen wir kalte Füße. Greenpeace übrigens auch.“

Christian Bussau, der die Plattform mittlerweile mit den 17 anderen Brent-Spar- Besetzern auf dem Greenpeace-Schiff „Altair“ in den Nordatlantik begleitete, wo sie versenkt werden sollte, wurde aus Hamburg angerufen. „Die sagten, wir müssen abbrechen. Ich war sprachlos.“ Nach langem Hin und Her macht Greenpeace doch weiter. Am Tag des ersten Anschlags gab die Organisation eine Presseerklärung heraus, in der sie klar und eindeutig gegen die Gewalt Stellung bezieht. „Wir waren froh, dass nicht viel mehr passiert ist“, sagt Bussau. Greenpeace jedenfalls bekommt in den folgenden Tagen noch einmal dramatische Bilder. Am 10. Juni, als Shell damit beginnen will, die Brent Spar abzuschleppen, rammt ein Shell-Schiff eines der Schlauchboote. Drei Regenbogenkämpfer fallen ins eiskalte Wasser und werden leicht verletzt. Am 16. Juni gelingt es zwei Greenpeace- Leuten mit Hilfe eines Hubschraubers, die Brent Spar wieder zu besetzen. Am Vortag hat Shell eine Wiederbesetzung mit Wasserkanonen auf Schlauchbooten noch verhindert – Bilder, die es in alle Nachrichtensendungen schaffen, denn das Fernsehen ist wochenlang live dabei.

Bis zum 18. Juni könnte es für Greenpeace gar nicht besser laufen. Doch dann macht die Organisation einen folgenschweren Fehler. Greenpeace veröffentlicht eine neue Schätzung über die Giftfracht, die sich noch im Bauch der Brent Spar befinden soll. Nicht 130 Tonnen öliger Schlämme, wie Shell das berechnet hatte, sondern 5500 Tonnen Öl sollen sich noch dort befinden. Zweieinhalb Monate später muss sich Greenpeace bei Shell für die falsche Zahl entschuldigen. „Der Messfehler hat unsere Glaubwürdigkeit beeinträchtigt“, sagt Christian Bussau. In der deutschen Öffentlichkeit wird nun behauptet, Greenpeace habe die Kampagne auf der Basis falscher Zahlen aufgebaut. Bussau sagt, einige Besetzer hätten ein Marmeladenglas in ein Rohr gelassen, das sie für ein Zugangsrohr zum Tank halten. Was sie herausholten, schicken sie an ein Labor, das daraus die weit überhöhte Schätzung mit den 5500 Tonnen errechnete. „Das Rohr, aus dem sie ihre Probe entnommen hatten, war aber ein Lüftungsrohr.“ Greenpeace zieht aus dem Messfehler Konsequenzen. „Wir haben unsere Untersuchungsmethoden erheblich verbessert“, sagt Bussau. Außerdem werde jede Probe inzwischen von zwei Labors untersucht. Allerdings: „Nur wer gar nichts macht, macht keine Fehler.“

Dass sich die Legende, Greenpeace habe die ganze Kampagne auf falschen Zahlen aufgebaut, bis heute hält, erklärt sich Bussau mit der Niederlage im selben Jahr in Mururoa. Kurz nach der erfolgreichen Brent-Spar-Kampagne bricht Greenpeace auf, Frankreich das Fürchten zu lehren, oder doch zumindest an einem weiteren Atomtest auf der Pazifikinsel Mururoa zu hindern. Doch Frankreich bleibt stur. „Ich glaube, viele haben Greenpeace einfach nicht verziehen, dass wir die Franzosen nicht besiegt haben“, sagt Christian Bussau und blinzelt in die Sonne. Den eigentlichen Sieg über Shell bekommt die Öffentlichkeit gar nicht mehr richtig mit: 1998 beschließt die Oslo-Paris-Konferenz (Ospar) zum Schutz des Nordatlantiks ein generelles Verbot, Off-Shore-Anlagen zu versenken. Greenpeace hat geschafft, was schon 1995 das erklärte Ziel war: „Wir wollten einen Präzedenzfall verhindern. Wäre die Brent Spar versenkt worden, wer weiß, ob nicht alle 400 Bohrinseln in der Nordsee den gleichen Weg gegangen wären“, sagt Bussau.

Die Brent Spar ist 1999 dann doch noch versenkt worden – zumindest teilweise. Die Metallringe wurden auf den Meeresboden gelegt und bilden im Hafenbecken in der Nähe des norwegischen Stavanger das Fundament für einen Fährplatz.

Für Shell ist das „schreckliche Jahr“ aber mit dem Versenkungsstopp noch nicht zu Ende. Am 10. November wird der 54-jährige Schriftsteller Ken Saro-

Wiwa vom Volk der Ogoni hingerichtet. Saro-Wiwa ist Präsident der „Bewegung für das Überleben der Ogoni“ (Mosop) gewesen, die sich 1990 gegründet hat, um gegen den nigerianischen Staat und den Shell-Konzern zu kämpfen. Seit 1958 fördert Shell im Niger-Delta Öl.

Die Ogoni sind einer von 20 Stämmen, die im Niger-Delta leben, und die von den Einnahmen aus der Ölförderung nichts haben. Ihre Dörfer haben keinen Strom, kein Wasser, und nur wenige Ogonis arbeiten bei Shell. Dafür stopft sich der Militärdiktator Sami Abacha seine Taschen mit den Einnahmen aus der Ölförderung voll. Abacha, der Ken Saro-Wiwa nach seiner Machtübernahme noch einen Minsterposten angeboten hatte, lässt Saro-Wiwa mit fadenscheinigen Anschuldigungen festnehmen und hinrichten. Die Regierung wirft ihm vor, für die Ermordung von vier moderaten Stammeshäuptlingen der Ogoni verantwortlich zu sein. Dabei ist dokumentiert, dass er zum Zeitpunkt der Ermordung von einem Militärposten daran gehindert wurde, den Ort des Geschehens auch nur zu betreten. Vor seiner Hinrichtung erklärte Saro-Wiwa: „Auch Shell wird heute hier gerichtet. Eines Tages wird der Konzern für den ökologischen Krieg, den er im Nigerdelta führt, gerichtet werden .“

„Das hat das Unternehmen erschüttert“, sagt Winzenried. „Die Brent-Spar- Affäre war zwar belastend, aber überschaubar.“ In Nigeria sei Shell an den Pranger gestellt worden, obwohl zum großen Teil die Regierung für die Missstände verantwortlich gewesen sei. Shell macht immer noch Geschäfte in Nigeria. Aber vor dem Aufbau des Gasgeschäfts hat Shell mit allen Beteiligten gesprochen. Außerdem arbeiten kaum noch Weiße in Nigeria, 120 von rund 5000 Beschäftigten. „Heute holen wir alle relevanten Gruppen an den Tisch, wenn wir ein neues Projekt planen“, sagt Rainer Winzenried. Der Konzern habe seine Lektion gelernt.

„Wir sind aus dem Kohlegeschäft ausgestiegen. Der Anteil der Erdgasförderung liegt im Verhältnis zur Ölförderung inzwischen bei 50:50, und wir sind substanziell ins Geschäft mit erneuerbaren Energien eingestiegen. Im Solargeschäft sind wir die Nummer fünf, bei der Windkraft die Nummer zehn der Welt“, sagt Rainer Winzenried. „Wir sind ein Energiekonzern geworden“, sagt er. Das wäre „auch so gekommen“, aber die Krisen 1995 hätten den Wandel etwas beschleunigt.

Auch Greenpeace musste sich ändern. Christian Bussau seufzt: „Heute haben wir es mit Umweltproblemen zu tun, die oft unsichtbar sind, etwa hormonähnliche Stoffe im Wasser. Und außerdem hat sich der Stellenwert des Umweltschutzes verändert.“ Er sei den Menschen nicht mehr so wichtig wie noch Mitte der 90er Jahre. Und Greenpeace fällt es immer schwerer, direkte Aktionen zu planen. Die Zeiten, in denen der Feind klar zu benennen und ein Umweltproblem einfach plausibel zu machen war, sind vorbei.

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