Golo Mann : Außenseiter, Spitzenreiter

Zum Hundertsten: Eine Biografie und eine Ausstellung ehren Golo Mann.

Christian Schröder
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Im Schatten des Vaters. Golo Mann 1970, ein Jahr vor seinem „Wallenstein“. Foto: dpa

Dem Schatten des Vaters ist er ein Leben lang nicht entkommen. „Unvermeidlich musste ich seinen Tod wünschen“, hat Golo Mann 1986 in seinen Memoiren bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war Thomas Mann, der Übervater, schon mehr als dreißig Jahre tot. Zum Schriftsteller sei er „bestimmt“ gewesen, den Wissenschaftler habe er „nur gespielt“, gestand Golo Mann einem Freund. Ein Schriftsteller ist er dann doch noch geworden, 1971 erschien seine „Wallenstein“-Biografie, eine monumentale, knapp 1400 Seiten umfassende historische Meistererzählung, die zum Bestseller wurde. Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen verkauften Büchern gehört Golo Mann zu den meistgelesenen deutschsprachigen Historikern des 20. Jahrhunderts. Doch sein Desinteresse an Strukturen und Theorien, sein Festhalten an einer psychologisierenden, schön geschriebenen Sprache machte ihn auch verdächtig. Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler verspottete ihn als „Goldrähmchenerzähler“.

Golo Mann hat sich vehement gegen den „Tod der Biografie“ gewehrt, der von den Sozial- und Strukturhistorikern nach 1968 verkündet worden war. Für ihn war Geschichte vor allem eine Erzählung, ein „wahrer Roman mit Lücken“, wie er mit Paul Veyne formulierte. So ist es ein Glücksfall, dass zum 100. Geburtstag von Mann nun eine Biografie erscheint, die beides ist: gründlich recherchiert und gut geschrieben. Der Göttinger Historiker Tilmann Lahme porträtiert Golo Mann als großen Außenseiter, der lange um Anerkennung kämpfen musste und unter ständigen Selbstzweifeln litt.

Lahme erzählt von Mann als Sohn, Wissenschaftler und Schriftsteller, anders als frühere Autoren widmet er sich dabei genauso dem Privatleben wie dem Werk. Der Züricher Historiker Urs Bitterli hatte noch 2004 in seiner Biografie behauptet, Golo Mann habe seine Homosexualität zwar „akzeptiert“, sie aber „ins Platonische sublimiert“. Dass das Unsinn ist, kann man nun bei Lahme nachlesen. Zwar hat Golo sein Schwulsein weniger offen ausgelebt als sein Bruder Klaus Mann, doch seit seiner Studentenzeit ließ er sich immer wieder auf Liebesbeziehungen ein. Im New Yorker Exil lebte er einige Zeit in einer Art schwulen Wohngemeinschaft mit W.H. Auden, Benjamin Britten, Paul und Jane Bowles und dem Tenor Peter Pears. Und seinen letzten Lebensgefährten, einen 25 Jahre jüngeren Mediziner, hat er sogar adoptiert.

„Das Kind ist wieder mehr der Typus Mucki, schlank und etwas chinesenhaft“, schrieb Thomas Mann, als Golo am 27. März 1909 – heute vor hundert Jahren – zur Welt gekommen war. Der Sohn klagte später über eine „elende Kindheit“. Die Geschwister Klaus und Erika zogen alle Aufmerksamkeit auf sich, das Verhältnis zum Vater blieb  lange gespannt. Während des Studiums in Heidelberg wurde Karl Jaspers zum „Lebenskompass“.

Golo Mann war zugleich Schöngeist und engagierter Intellektueller. Als Student schreibt er Pamphlete gegen die nationalsozialistischen Studentenverbände, im amerikanischen Exil redet er, ähnlich wie sein Vater, mit Radioansprachen den alten Landsleuten ins Gewissen. „Golo nimmt mir die Worte vom Mund“, lobt Thomas Mann ihn dafür in seinen Tagebüchern. „Er nennt Deutschland das alte Nazi-Land.“

„Zwischen allen Stühlen – wie es sich gehört“, unter diesem Motto wird Mann mit einer Ausstellung im Schwulen Museum Berlin geehrt. Die Hommage gleicht einer Familienaufstellung. Im Zentrum steht das Kinderzimmer der Münchner Mann-Villa mit Laufstall und Schulschreibtisch. Eine Wand ist mit Thomas-Mann-Bildern und seinen Tagebuchauszügen gefüllt. Daneben: die Klaus- Mann-Vitrine und eine Heinrich- Mann-Büste. Golo starb 1994. Er ordnete an, in Kilchberg bei Zürich abseits der Familiengruft beigesetzt zu werden. Seine letzte Ruhe fand er in derselben Erde wie sein Vater, aber nicht im selben Grab.

Tilmann Lahme: Golo Mann. Biographie, S. Fischer, Frankfurt 2009, 551 S., 24,95 € – Die Golo-Mann-Ausstellung im Schwulen Museum, Mehringdamm 61, läuft bis 29. Juni, täglich (außer Dienstag) 14 bis 18, Samstag bis 19 Uhr.

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