Golshifteh Farahani im Interview : „Der Schleier stört am allerwenigsten“

Sie ist die einzige Schauspielerin des Iran, die es – in Ridley Scotts „Body of Lies“ (2008) – bis nach Hollywood geschafft hat. Dafür hat sie hart bezahlt: Seit fünfeinhalb Jahren lebt Golshifteh Farahani, 30, im Exil in Paris. Im Interview spricht sie über die Hoffnung in ihrer Heimat - und den Schmerz des Exils.

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Freigeist auf Weltreise. 2009 war Golshifteh Farahani bei der Berlinale zu Besuch.
Freigeist auf Weltreise. 2009 war Golshifteh Farahani bei der Berlinale zu Besuch.Foto: dpa

Frau Farahani, was ist Heimat für Sie?
Dazu erzähle ich Ihnen eine Nasreddin-Geschichte. Eines Nachts hat Nasreddin seine Schlüssel verloren, er sucht sie und sucht sie, Nachbarn helfen ihm. Nach einer Weile sagt er: Ich habe sie zu Hause gelassen. Und warum suchen wir dann hier?, fragen die anderen. Da sagt Nasreddin: Zu Hause gibt es keinen Strom, also kann ich ihn da nicht finden. So wie Nasreddin geht es auch mir. Inzwischen zweifle ich, ob ich diesen Schlüssel überhaupt habe. Mein Haus steht nirgends. Ich bin ein entwurzelter Baum, den man nicht mal mehr zurückpflanzen kann.

Was vermissen Sie im Exil?
Die Gerüche des Iran. Die Jahreszeiten. Das Gefühl, ein menschliches Wesen zu sein und keine Fremde, keine Ausländerin. Dort sind wir einfach Menschen. Iranerin bin ich erst im Ausland geworden.

Im Westen gibt es die große Hoffnung, dass unter dem moderaten neuen Präsidenten Hassan Rohani alles besser wird.
Für mich gilt das nicht. Manche mögen jetzt eine Stimmung von Freundschaft, Gemeinsamkeit und Frieden spüren. Aber ich brauche mehr Reformen, echte Veränderung. Ich provoziere den Iran, als Vertreterin der jungen Generation, als Frau, als Künstlerin. Ich fordere die Menschen heraus, sich zu ihrer Individualität zu bekennen, abseits von den Regeln des Orients.

In ein Land zurückzukehren, das den Schleier vorschreibt, wäre das für Sie unmöglich?
Nein, der Schleier stört da am allerwenigsten. Klar haben die Frauen nicht die Wahl, anders als etwa hier in Marokko. Andererseits ist der Schleier in Iran auch kaum mehr eine Glaubenssache, sondern eine Frage der Mode. Den Zwang dazu nimmt man wie etwas irgendwie Außerirdisches hin, wie Halloween! Das, worum es ernstlich geht, ist jedoch der Mangel an Redefreiheit, schlimmer noch, der Mangel an Gedankenfreiheit.

"Ich träume von Leuten, die mich verfolgen"

Haben Sie einen Traum, der immer wiederkehrt und von dem Sie sprechen mögen?
Seit ich aus dem Iran weg bin, träume ich, mehrfach pro Woche, von Leuten, die mich verfolgen, um mich zu töten. Es sind immer verschiedene Banden, und in den Träumen bin ich oft noch ein Kind. Wenn ich daraus erwache, habe ich das Gefühl zu ersticken. In meinen ruhigeren Träumen bin ich in einer Wasserwelt, die ich frei erforsche und vergrößere, von Traum zu Traum. Ich bin unter Wasser wie ein Fisch, und ich bin allein.

Sie haben bereits fast 20 Filme gedreht. Welcher von all Ihren Rollen fühlen Sie sich am nächsten?
Meiner ersten, in „Birnbaum“ von Dariush Mehrjui, da war ich 14. Gesucht war dafür eine Art wilder, verrückter Tomboy, und damals war ich genau so, sie haben mir für den Film die Haare abrasiert, das war mir egal. Auf der Straße bewegte ich mich sowieso wie ein Junge, das half, keinen Schleier tragen zu müssen. Die Story in „Birnbaum“ hatte weniger mit mir zu tun, aber die Rolle hat mir viel über mich selbst erzählt, sie hat mich befreit. Ich spielte ein Individuum, das zwar leidet, aber auf seine Weise überlebt. Komisch, ich spiele immer solche Figuren.

Sollten Sie eines Tages in den Iran zurückkehren, was würden Sie aus Ihrem Leben in Paris vermissen?
Vielleicht die kleinen Kinos im Quartier Latin. Aber Hauptsache, ich kann jederzeit in ein Flugzeug springen und zurück nach Paris, diese Stadt bleibt ja. Aber ernstlich zurückzukehren nach Iran? Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Aber ist das nicht eine Ihrer Perspektiven?
Da habe ich keinerlei Vision, man lernt das im Exil. Wir leben in einem Nebel, zwischen Sprachen, zwischen Ländern, wir gehören nirgends hin. Wir werden zu einer Art von Robotern, das gehört wohl zu unserer Überlebensstrategie. Ich höre Neuigkeiten aus Iran, aber auch da gehöre ich nicht mehr hin. Wenn man einmal alles verloren hat, dann verabschiedet man sich von allem sehr leicht. Manche Leute sind schockiert, dass ich so mühelos Goodbye zu allem sage. Andererseits weiß ich: Wenn ich mich an etwas binde, leide ich. Da war genug Schmerz. Den will ich hinter mir haben.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala

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