Kultur : Gondeln aus Schokolade

Im Kino: Lasse Hallströms Liegestuhl-„Casanova“

Kerstin Decker

Wieder ein Venedig-Film. Und dann noch von Lasse Hallström, der zu den Regisseuren gehört, bei deren Namen Kritiker die Augenbrauen heben und lächeln. Wer sich für einen ernst zu nehmenden Menschen hält, mag Hallström nicht. Dabei hat er schöne Filme gemacht, „Chocolat“ oder „Schiffsmeldungen“. Dieser todtraurige, spöttische Aberwitz hatte nichts Klischeehaftes, ob es sich um die Umerziehung einer Kleinstadt mittels Schokolade handelte oder um das Zeitung-Machen in einer Kleinstadt am Meer, wo man die Häuser festbinden muss, damit sie nicht ins Wasser fallen.

In Venedig sind sie noch nicht dazu übergegangen, die Häuser anzubinden. Sie gehen auch so unter. Venedig sieht aus wie immer, richtig venezianisch. Venedigs unmöglichster Sohn heißt Casanova, und auch er sieht aus und benimmt sich wie immer. Wie ein Casanova (Heath Ledger). Das und dazu die weiche Ironie Hallströms: Dieser „Casanova“ nervt.

Die Hauptrolle spielt wie in jedem Venedig-Film die Stadt selbst. Heath Ledger brauchte wahrscheinlich gerade einen Ort zum Ausruhen und fragte sich: Warum nicht Venedig, wo es sowieso keine Hauptrollen gibt? Darum besitzt sein Casanova nun die erotische Ausstrahlung eines kaputten Liegestuhls und ist eine Nebenrolle unter anderen. Dabei ist er sogar latent witzig. Das sind alle bei Hallström, sogar die Nonne, die mit Casanova geschlafen hat. Wegen der Nonne kommt der Großinquisitor (Jeremy Irons) persönlich in die Stadt. Irons spielt in letzter Zeit vor allem hauptberufliche Venezianer, zuletzt in dem missratenen „Kaufmann von Venedig“.

Dieser „Kaufmann“ war eine so harte Prüfung wie das Pizza-Essen in Venedig. Nirgends sind die Pizzen so schlecht wie hier. Vielleicht liegt das letzte Kino-Venedig noch zu schwer im Magen, um echten Appetit zu entwickeln, aber auffällig ist das mit Irons schon. Der Mann kann keine Venezianer spielen. Niemand ist als Dämon so dämonisch wie er, aber hier guckt er gleich so inquisitorisch, so ich-spiele-hier-einen-Dämon-mäßig. Und dazu dieser Liegestuhl-Casanova. Und die anderen. Es gibt einfach zu viele Masken in dieser Stadt. Und dass Casanova sich dann ausgerechnet in die Schriftstellerinnen-Emanze Francesca Bruni (Sienna Miller) verlieben muss! Vielleicht wegen einer positiven Identifikationsfigur fürs weibliche Publikum. Alles genau berechnet. Alles zu sehr berechnet. Nur wann Venedig wirklich untergeht, weiß noch keiner genau.

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