Kultur : Good Bye, Fidel!

Traurige Tropen: Das Filmfestival Havanna sieht in den Wirklichkeitsspiegel – und flüchtet in die Zeitmaschine

Jan Schulz-Ojala

Oberflächen zählen nicht. Die Menschen leben in Gehäusen, aus deren Tiefe blasses Neonlicht strömt abends und nachts, dünn wie das Funzeldunkel der Straßenlaternen. Oberflächen: Anderswo wären das hübsche Fassaden. Havannas Häuser haben die Lepra, zerfressen von Zeit. Oberflächen: Das wären Werbeplakate, Leuchtreklamen. Havanna leuchtet nicht. Wenn Havanna wirbt, dann mit der Revolution. „Revolucíon es construir“, Revolution ist Aufbau, steht es auf uralten Mauern. Oder: „Seguimos construyendo nuestro sueño.“ Bauen wir weiter an unserem Traum. Unserem funzeldunklen, leprazerfressenen kubanischen Traum von der Revolution.

Amanda träumt nicht. Ums Verrecken nicht. Aber Amanda!, jetzt haben mir schon alle anderen ihre Träume gesagt, nur du nicht, hat Regisseur Fernando Pérez sie beschworen. Was soll ich denn schon träumen, hat ihm die alte Amanda geantwortet, die seit Jahren Maní verkauft, zum Überleben. Maní: Das sind diese spitzen Tüten, die Amanda abends aus Papier zurechtrollt und mit Erdnüssen füllt und anderntags auf den Hauptstraßen Havannas verkauft für einen Peso pro Stück. Amanda träumt nicht, nicht von der besseren Zukunft, nicht von der besseren Vergangenheit, nicht von der Revolution. Also hat Fernando Pérez ihr in den Abspann geschrieben: „Amanda hat keine Träume.“

Fernando Pérez hockt auf dem Sofa im 15. Stock eines steinalten, betonalten Hochhauses mit Wachschutz und Fahrstuhlführerin. Kaum Möbel sonst in seiner Wohnung, keine Tapeten. Negationen überall. Keine Träume darf man nicht haben: So ähnlich hatten ein paar wichtige Leute seinen Film „Suite Habana“ kritisiert und ihn dann doch passieren lassen. Am Abend wird Pérez dafür die Erste Koralle des 25. Filmfestivals von Havanna bekommen, so nennen die Kubaner ihren Goldenen Bären, und den Preis des internationalen Filmkritikerverbands Fipresci gleich dazu. „Suite Habana“: ein guter Name für die Luxusetagen im Hotel Meliá Cohiba, das wie ein Ufo am Malecón steht. Einer der wenigen Neubauten Havannas nach der Revolution – seit dem 1. Januar 1959, um genau zu sein. Aber „Suite Habana“ erzählt nur bildlich-musikalisch von einer Suite, von einer collagierten Abfolge aus Geräuschen und Bildern. Von zwölf Leuten, die sich selbst spielen in Havanna von morgens um sieben bis wieder morgens um sieben. Und die Welt ist nicht in Ordnung und doch nicht kaputt.

Sechs Wochen lang lief „Suite Habana“ schon im Sommer im Kino Chaplin, dem Prunkstück auch des Festivals: 1200 zersessene Plätze in einem abgewrackten Achtstockwerkekasten mit schwarzen Fensterhöhlen. Sechs Wochen hat Havanna sich dort selber zugesehen, dem Schuhmacher, dem Bahnarbeiter, der ehemaligen Kunstlehrerin, dem mongoloiden Zehnjährigen namens Francisquito, den Wachleuten vor der John-Lennon-Bank in einem dieser kleinen Parks im Stadtteil Vedado. Da sitzt Lennon seit drei Jahren in Bronze, und weil sie ihm ein paarmal die Brille geklaut haben, hat die Stadt nun einen Wachschutz eingerichtet, mit zwei Schichten von sieben bis sieben. Würde muss sein.

Die Leute in Havanna weinen, wenn sie diesen Film sehen. Sie gucken „Suite Habana“ immer wieder, so wie man in einen sonderbaren 80-Minuten-Gottesdienst geht, eine Andacht vor der eigenen Welt. „Ich bin aus dem Kino raus“, haben viele zu Fernando Pérez gesagt, „ich lief durch die Stadt, und der Film ging immer weiter.“ Ja, man kann die Amandas von Havanna Erdnusstütchen verkaufen sehen an der Calle 23 oder auf der Rampa, unten zum Malecón hin, über dessen Mäuerchen der Atlantik manchmal hinwegtobt, als wollte er diesen ganzen schönen Taubenschiss weghauen, die Stadt mit einem Happen verschlingen und Schluss. Und dann wieder ins Kino, wo im langen Bild vor dem Abspann die Brecher den Malecón überschwemmen. Oder wo die Leute am Flughafen ihren Brüdern und Söhnen hinterhergucken auf Fastnimmerwiedersehen nach Miami. Oder man lauscht auf das Seufzen im Kinosaal, wenn dann doch jemand seinen Traum zu Protokoll gibt. Wie die Fabrikarbeiterin Raquel: „Reisen um zurückzukehren.“

Das wollen sie alle. Rauskommen aus dieser wassermauerumstandenen Insel, aufstehen in Ruinen eines Morgens um sieben und bloß weg hier. Endlich raus mit einer der raren Einladungen, anders geht’s nicht, und dann verrückt werden wie all die Miami-Kubaner am Heimweh. Nie mehr Schwarztaxi fahren wie Julio, der seinen Sportlehrerjob an den Nagel gehängt hat, weil er mit seinem uralten Lada an einem Tag mehr Geld macht als vorher pro Monat. Nie mehr die eigene Winzwohnung für 20 Dollar die Nacht an Touristen wegvermieten wie Luis, weil das Arztgehalt zum Leben längst nicht mehr reicht. Nie mehr auf Luis’ absturzreifem Balkon in der Altstadt stehen und auf den unglaublichen Fassadentaubenschiss gucken – doch halt, Oberflächen zählen nicht. Lausch lieber auf das Stimmengewirr aus all den offenen Fenstern, lausch auf die Überlebensmusik, die sich abendwärts reinmischt, ganz wie in „Suite Habana“. Da wird der Gleisreparateur zum Saxophonspieler, da wird der Typ von der Krankenhauswäscherei zum singenden Transvestiten, da träumt Ernesto, der seit Vaters Tod die Familie durchbringt, von der großen Ballettkarriere.

Das Kuba-Klischee, es stimmt – vielleicht – abends. Dass da überall Musik sei auf den Straßen und Fun und Tanz und Cohibas und Rum. Ansonsten sind die Leute ernst und oft sehr für sich. Großer Wartesaal, oder wie es einmal in „Suite Habana“ heißt, dem Film, der den sehr ordentlichen Wettbewerb einfach ausgeknipst hat, als hätte zur Abwechslung der Restkontinent Stromausfall: „rincón de la paciencia“, Geduldswinkel. Jahrzehnte Übung in Geduld bis zur Zeit nach Fidel, der inzwischen 76 ist. Manchmal spielt auch das Festival Wartesaal wegen Fidel, bei der Preisverleihung im Teatro Carlos Marx zum Beispiel. Da warten 5000 Leute eine Dreiviertelstunde auf „ihn“, aber statt „EL“ kommt dann doch wieder nur Kulturminister Abel Prieto, der mit der lustigen Vokuhila-Frisur. Aber hat Prieto nicht, Zeichen größerer Hoffnungen, stehend Fernando Pérez applaudiert, der das zarte, hoffnungslose Alltagshavanna auf Film verewigt hat wie noch keiner vor ihm?

„EL“ taucht dann doch mal im Kino auf, aber nur auf der Leinwand. Der Uraltrevolutionär, den sie in Kuba fürchten und merkwürdig restlieben, spielt sich selbst in Oliver Stones „Comandante“ - und die Rolle des Visionärs, des unbeugsamen Außenseiters, des Achtundsechziger-Denkmals hat er klasse drauf. Bisschen brüchig die Stimme, aber den naiven Gringo, der ihm da kritische Fragen zu stellen meint, den hat er mit links eingewickelt. Ansonsten: kein Fidel. Nur einer im Revolutionsmuseum, wo sich sonntags die Jugendlichen mit Pionier-Halstuch vor verstaubten Vitrinen rumdrücken. Aber auch da macht Castro gern seinem Guerilla-Kumpel und späteren Revolutionsminister Platz, den der CIA 1967 in Bolivien umgebracht hat. Ernesto „Che“ Guevara, der Märtyrer mit dem Jesusgesicht, hängt heute noch in vielen Wohnungen hinter Glas, Schwarzweißfoto als Heiligenschrein. Der „Che“ hatte keine Zeit auf Erden, ein Böser zu werden: Der alte Fidel nutzt das und macht sich dünne.

Und wie geht’s weiter? Geht’s überhaupt weiter? Mit Raúl zum Beispiel, Castros Bruder, der gerade wieder mal im Fernsehen dementiert, er sei todkrank? Oder kommt der Kapitalismus brutal, obwohl Fernando Pérez sich künftig höchstens „ein bis zwei McDonalds“ in Kuba vorstellen mag? Julio in seinem Lada redet da lieber krass vom Bürgerkrieg. „Du meinst einen Krieg der Soldaten gegen das Volk, das nach Fidels Tod den Kapitalismus will?“ fragt man da, weil man sich ein gegenseitiges Abschlachten all dieser bitterarmen Menschen nicht vorstellen mag. Julio bleibt eisern: „Nein, das wird ein Krieg mitten im Volk.“

Da sind die Deutschen noch mal davongekommen, 1989. Ganz ohne Blutvergießen, die Kubaner können’s kaum glauben. Zu Hunderten rennen sie in „Good Bye, Lenin!“, den heimlichen Star dieses Festivals. Schließlich erzählt der Film von einer möglichen Zukunft danach. Erst läuft er im Kunstkino „23 y 12“, das nur 500 Leute fasst, aber mit ein bisschen Druck von der Straße wird das Glanzstück der „Deutschen Filmschau“ gleich zweimal gezeigt. Zwei Tage später, nach einer Riesen-Mundpropaganda, stürmen die Leute das Kino, sogar Scheiben gehen zu Bruch. Zur Strafe wandert der Film ganz weit raus in den kleinen Vorführsaal der „Fundación Glauber Rocha“, und da gibt es nach 35 Minuten einen mysteriösen Stromausfall. Nicht, dass die Regierung die Kinoreise mit der Zeitmaschine verboten hätte, sie kürzt sie nur ein bisschen ab. Trotzdem, auch hier draußen ist der Laden voll – und das in einer Zweimillionenstadt mit immer noch wenig Autos und fast ohne öffentlichen Nahverkehr.

Also: laufen. Geh nochmal an den Malecón, die Uferpromenade, was für ein Wort: Uferpromenade. Sechsspurig bei Schönwetter, dreispurig bei so genannten Kaltfrontstürmen, die den Atlantik in die Stadt jagen, aber promenieren tun die Leute dann bald wieder doch. Oder hocken wie die Tauben auf der Mauer, gucken auf das Meer, das die Insel unbarmherzig umschließt, hocken da vor allem abends und nachts, verliebt oder nicht. Im Sommer, wenn Karneval ist und nicht enden wollende Tropenfeuchtigkeit, soll hier alles vor Glück und Jugend geradezu beben, eine einzige Fiesta mit Salsa und Gitarren und Rum. Kommt aber alles nicht vor in „Suite Habana“; könnte also auch wieder nur ein Traum gewesen sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben