Google und das Recht auf Vergessen : Kollektiver Google-Hupf

Die Debatte um das Recht auf Vergessen und das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zeigt, wie sehr es der Gesellschaft beim Umgang mit Big Data an Reife fehlt.

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Am 13. Mai entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Suchmaschine Google unter bestimmten Umständen den Zugang zu Daten schließen muss.
Am 13. Mai entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Suchmaschine Google unter bestimmten Umständen den Zugang zu Daten...Foto: dpa

Als Martin Lampe das Trinken anfing, verlor er seine Stelle. Immanuel Kant, in dessen Haus er 40 Jahre lang gearbeitet hatte, setzte den Diener 1802 vor die Tür. Aber Kant rief auch nach dem neuen Diener noch lange mit „Lampe!“. In eine Kladde notierte der irritierte Philosoph: „Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden“ – und hatte sich damit erneut an den Namen erinnert.

Sich selber ans Vergessen zu erinnern – ein Paradoxon, dessen Ironie Kant kaum entgangen sein kann. Ähnliches hat auch der Spanier ausgelöst, der sich jetzt vor dem Europäischen Gerichtshof das „Recht auf Vergessenwerden“ erstritten hat. Ob man will oder nicht, als Medienkonsument ist man, wie Millionen andere, unterrichtet über eine 15 Jahre zurückliegende Insolvenz des glücklosen Geschäftsmanns, der die Spuren seiner ökonomischen Vergangenheit im Internet getilgt sehen möchte, zumindest bei der Suchmaschine Google. Mit seinem Erfolg beim Gerichtshof wird er nun in die Netzgeschichte als eine Art umgekehrter Edward Snowden eingehen. Dieser machte geheime, digitale Datensätze nach außen publik, in die Öffentlichkeit hinein, jener möchte allgemein zugängliches, digitales Material löschen lassen. Der eine proklamiert das Recht auf Transparenz, der andere das auf Tilgung.

Die aktuelle Causa Google setzt eine zeithistorische Wegmarke. Der medialisierten, digitalisierten Gesellschaft fehlt es an rechtlichen, sozialen und politischen Strukturen, um mit der Dynamik explodierender Datensammlungen und Datenmengen zurechtzukommen. Kontrollversuche wie der des klagenden Spaniers wirken daher hilflos und spannend zugleich. Tatsächlich hat der belächelte Ausspruch von Kanzlerin Merkel seine Berechtigung, dass hier Neuland erkundet wird. Ähnlich chaotisch und unreguliert wie einst die Kolonisation anderer Kontinente vollzieht sich der digitale Wandel, bei dem jede Privatperson, Gruppe, Körperschaft oder Firma nach Belieben ihre Domain, Website, Plattform eröffnen und wo jeder sein Dasein manifestieren, sein Anliegen postulieren, informieren, denunzieren oder irreführen kann, wie immer er mag.

Dahinter steckt die kolossale, großenteils illusionäre Vorstellung, über das Internet Aufmerksamkeit und Dauer zu erlangen: „Das Netz vergisst nichts. Hurra, man erinnert sich an mich!“ Aber dann folgt der ebenso kolossale Schock, keine direkte Kontrolle über die Art und Auswahl der Aufmerksamkeit zu besitzen: „Das Netz vergisst nichts. Hilfe, mir entgleitet, was von mir erinnert wird!“ Von diesem Schock ist in der jetzigen Diskussion die Rede, in der es um Prävention, Schutz, Persönlichkeitsrechte geht und neue Vokabeln wie „Löschanspruch“ oder „Löschpflicht“ auftauchen, weil da einer wieder ein unbeschriebenes Blatt sein möchte, wie Hunderttausende andere auch.

Derart wild wuchern die Pflanzungen im endlosen virtuellen Raum, dass der Überblick den Machern wie den Nutzern schlicht abhanden kommt – wenn er denn je da war. Auch Gerichte, meist noch besetzt von prädigital sozialisierten Amtsträgern, sind der Aufgabe nicht gewachsen, diese Kolonialexplosion zu regulieren. Zumal es noch keinerlei „Weltgericht“ gibt, das als globale Institution normative Ansprüche vertreten und durchsetzen könnte.

Tröstlich mag für den Augenblick die Erkenntnis sein, dass wirkmächtiges „Erinnern“ eine individuelle, kognitive wie emotionale Leistung des Gedächtnisses ist, die mit dem fantastischen Massenspeicher des Netzes nur grob strukturell etwas gemein hat. Kennen, im Sinne von Erkennen, kann mich keiner, außer in seltenen, kostbaren Momenten der Liebe, die sich immer wieder verflüchtigen – und auf Dauer womöglich nicht aushaltbar wären. Was sagen „Daten“ eigentlich über eine Person? Weder eine aufgezeichnete Herzfrequenz eines Hörers von Musik noch die Information über Straftaten, ökonomische oder politische Dummheiten geben auf irgendeine Weise umfassend Auskunft über einen Menschen.

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