Gorki-Theater : Büchner hinter Gittern

Im Gorki sind die Zuschauer quasi das eingepferchte Marktplatzvolk, vor dessen Augen sich Büchners Drama "Woyzeck" abspielt. Die Frage ist nur: Welches Drama? Das bleibt auch nach den achtzig Käfigminuten unter Tilmann Köhlers Regie ein großes Rätsel!

Christine Wahl
278408_3_xio-fcmsimage-20090526204500-006004-4a1c38acb0b89.heprodimagesfotos86120090527davids_woyzeck_25.jpg
Du bist hirnwütig, Franz. Michael Klammer als Woyzeck. Foto: DAVIDS/Carlos

Auf den ersten Blick sieht es aus, als veranstalte das Maxim-Gorki-Theater eine Selbsterfahrungsdemo gegen Käfighaltung. Statt im Zuschauerraum zu sitzen, steht das Publikum in einem umzäunten Geviert auf der Bühne und schaut fünf Schauspielern dabei zu, wie sie auf der verbliebenen Freifläche an mobilen Kleinkäfigen herumklettern.

Gegeben wird aber keine TierschutzPerformance, sondern Georg Büchners Stückfragment „Woyzeck“, in dem Ärzte und Militärs einen Underdog demütigen und zu wissenschaftlichen Experimenten missbrauchen. Als dessen Geliebte Marie sich vom ranghöheren Tambourmajor verführen lässt, bringt er sie um.

Zu Beginn fällt die Orientierung noch leicht. Da haben wir es mit dem Genre „Jugend spielt Klassiker“ zu tun: Hilke Altefrohne preist in einem schwarzen Gehrock und einer Doppelrolle als Doktor und Marktschreier via Mikrofon Experimente an Mensch und Tier an, wobei ihre Kollegen zwischen den Käfigen hin- und herrennen und gern auch mal dagegenspringen. Dass dabei denkwürdige Büchner-Sätze fallen, stört nicht weiter: Die kleine Jazzcombo, die über allem thront, übertönt das lässig!

Außerdem ist es spätestens dann, wenn die Rastaperücken-Marie (Julischka Eichel) mit Blumenkleid und Stiefelchen in den Käfig klettert, vorbei mit der Philosophie. Nun wird die Schnulze „Underdog mit reinem Herzen unter dem Retro-Rüschenhemd liebt prekäre Szeneschönheit“ gegeben. Davon, dass der hübsche Woyzeck (Michael Klammer) und seine attraktive Liebste einander so merkwürdige Sätze sagen wie „Du bist hirnwütig, Franz“ oder „Der Mond ist wie ein blutig Eisen“, sollte man sich nicht irritieren lassen. So romantisch umschlungen, wie diese Großstadtjugendliebe auf einem der Käfige hockt, könnten Woyzecks schizoide Schübe auch von Drogenkonsum herrühren.

Der Spießer im senffarbenen Anzug (Robert Kuchenbuch), der dem Underdog die Szenebraut dann streitig macht, weiß – so weit, so konsequent – ebenfalls weniger durch seine TambourmajorTextmixtur zu beeindrucken als durch eine Trapeznummer.

Aus tief im Käfigdunkel verbleibenden Gründen scheint Köhler Büchners Fragment in puncto Ausschnitthaftigkeit noch überbieten zu wollen. Er löst Handlungsmuster wie Figurenzuordnungen immer weiter auf – ohne ersichtlichen Gewinn.

Wenn zu guter Letzt noch ein Schuss Mitmachtheater in dieses mäandernde Jahrmarktspiel kommt und Woyzeck uns fragt, was wir denn dächten, ist das leicht zu beantworten: Wir sinnieren – weil wir uns ja in einem Sozialdrama befinden – nicht nur über das im Schneidersitz eingeschlafene Bein, sondern aicj darüber, wie viele Hämatome wohl die Schauspieler bei ihren akrobatischen Käfigübungen davongetragen haben mögen.

Julischka Eichel spielt als Marie die eigensinnige, schräg emanzipierte Frau, die sie am Gorki bisher in jeder ihrer Rollen verkörpert hat. Alle anderen kämpfen darum, aus Köhlers diffuser Ansage das Beste – sprich: einen Plausibilitätsrest – herauszuholen. Hut ab für dieses schwierige Unterfangen bei einem Regisseur, der „Woyzeck“ offenbar weniger als Herausforderung betrachtet, denn als Legitimation missversteht, mit kraftmeierischer Ambition darüber hinwegzuinszenieren.

Wieder am 3.6. und 16.6., 19.30 Uhr

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