Gorki Theater : Die Leere der Zeit

Beschränkte Reize: Stefan Bachmann dampft am Gorki Theater Thomas Manns "Zauberberg" ein.

Andreas Schäfer

Der überraschendste Moment dieses Theaterabends ist der erste. Auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters ist noch nichts zu sehen, da erscheint oben auf einer altertümlich anmutenden Anzeigentafel die Zahl 1942. „Der Zauberberg“ spielt am Vorabend des 1. Weltkrieges. Hat Regisseur Stefan Bachmann die Handlung etwa mitten in den 2. Weltkrieg verlegt? Wow! Das wäre interessant geworden. Doch schnell wird klar: Die Zahl auf der Anzeigentafel ist einfach eine Uhr. Es ist zwanzig vor Acht. Und wovon handelt Thomas Manns Roman, in dem der junge Schnösel Hans Castorp aus Hamburg in ein Davoser Sanatorium kommt? Natürlich, von „Der Zeit“. Wie absolut richtig. Und wie enttäuschend naheliegend.

„Der Zauberberg“ und die Zeit also. Auf welche „doppelte“ Weise das zusammenhängt, hat Thomas Mann so erklärt: „Einmal historisch“, in dem der Roman „das innere Bild einer Epoche, der europäischen Vorkriegszeit, zu entwerfen versucht, dann aber, weil die reine Zeit selbst sein Gegenstand ist, den er nicht nur als die Erfahrung seines Helden, sondern auch in und durch sich selbst behandelt.“

Wie macht man aus tausend Buchseiten hundertzwanzig Theaterminuten? In dem man alles Historische und fast alles Erzählerische weglässt und sich auf die „reine Zeit selbst“ konzentriert. Bachmann verliert keine Zeit mit der Zeit. Er will, anders als Mann, der die Wahrnehmung des Lesers über zahlreiche Lesestunden, durch Entfaltung eines reichen Figurenpersonals und die Beschreibung des immergleichen Tagesablaufs verändert, dem Zuschauer ansatzlos das Empfinden „ausdehnungsloser Gegenwart“ vermitteln.

Und das geht so: Die Uhr zeigt noch immer 19 Uhr 42, als im Halbdunkel der Bühne von Hugo Gretler sechs Patienten erscheinen. Sie lagern auf Liegen, eingepackt in Decken, schweigend, die Augen geschlossen, und werden von der Drehbühne wie in Zeitlupe im Kreis gefahren, während Schnee vom Himmel rieselt. Zehn Minuten fällt kein Wort. Zehn Minuten wandert der Blick über die Gesichter, verliert sich in den Falten der Decken, im Strudeln der Schneeflocken. Grummeln aus dem Publikum. Ein Witzbold ruft: „Wir haben´s kapiert!“, aber die Meditationsstunde geht weiter. Endlich hebt Marek Harloff als Hans Castorp seinen weißen Kopf, schaut verwundert ins Publikum, sagt, dass er für drei Wochen kommen wollte, um seinen Cousin Joachim zu besuchen – inzwischen seien sieben Jahre vergangen, Joachim sei tot, sein Zeitgefühl sei ihm längst abhanden gekommen.

Bachmann gibt an diesem Abend eher den Zen-Meister als den Regisseur. Er hat die Vorlage nicht bearbeitet, sondern nur signifikante Mann-Sätze herausgepickt, die er in eine große Leere hineinsprechen lässt. Die variiert und wiederholt werden und wie in einer nouveau- romanhaften Textschleife eine traumartige Atmosphäre von Unwirklichkeit herstellen sollen. Figuren sind – neben Hans Castorp – nicht zu identifizieren. Ruth Reinecke, Anja Schneider, Miguel Abrantes Ostrowski, Ronald Kukulies, Gunnar Teuber bilden eine entpersonalisierte Gästeschar, die ihre „Liegekur“ macht oder sich kunstvoll in Decken ein- oder wieder auswickelt. In regelmäßigen Abständen wird das Thermometer in den Mund eingeführt, genauso regelmäßig erklingt Schuberts „Der Lindenbaum“, mehrmals zückt ein depressiver Patient eine Pistole, wofür Miguel Abrantes Ostrowski mehrmals seine Schlafanzughose herunter lassen muss.

Rituale können zur Erleuchtung führen. Oder zur Lageweile. Denn obwohl dieser formalisierte Ansatz theoretisch interessant ist, haftet ihm ganz praktisch etwas Steriles und Geheimnisloses an. Anders als bei dem Dieter-Mann-Monolog „Fülle des Wohllauts“, den man vor einigen Jahren am Deutschen Theater sehen konnte, bleibt von der Atmosphäre des Buches nichts übrig. Nichts von seinem Witz, seiner Melancholie, nichts von den wunderbar reichen und zartverästelten Beziehungen Castorps zu Settembrini und der Russin Chauchat. Ronald Kukulies hält einmal einen Settembrini-Monolog über „Die Krankheit“ und muss sich darauf sofort wieder ins Liege-Kollektiv zurückbegeben. Obwohl Bachmann im zweiten Teil doch die Handlungsstationen abschreitet: Joachims Sterben, das Faschingsfest, Castorps Schneewanderung – die Geschichte bleibt unverständlich für den, der sie nicht kennt. Für die anderen bleibt der beschränkte Reiz des „Haben sie es erkannt?“

Nur einmal geht Bachmanns Erzählweise auf, während des Faschingsfestes, als alle abwechselnd mit Hans Castorp tanzen und ihm anschaulich die chemische Zusammensetzung des Körpers und die Prozesse seines Zerfalls erläutern. Da geht es nicht abstrakt um das Verstreichen von Zeit. Da scheint endlich mal der Horror des ungelebten Lebens auf.

Wieder am 30.9 und 8. und 29.10.

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