Kultur : Gorki Theater: Kamm together

Peter Laudenbach

Was als Stück über die "Neue Mitte", über Medien-Yuppies und Internet-Unternehmer angekündigt war, beginnt mit einer Zeitreise ins neunzehnte Jahrhundert. Im Studio des Maxim Gorki Theaters (es ist die zweite Uraufführung der neuen Intendanz Volker Hesses nach Theresia Walsers "Heldin von Potsdam") basteln der junge Regisseur Samuel Schwarz und sein Autor Raphael Urweider aus Gottfried Kellers Erzählung von den "drei gerechten Kamm-Machern" ein in die Groteske getriebenes Genrebild vom geizig-fleißigen Handwerksgesellen, eine dadaistisch angehauchte Studie über die seelischen Deformationen, die die protestantische Ethik anrichtet.

Fabian Krüger, ein langes, schmales Elend, spielt den Kammmacher-Gesellen Jobst als strebsamen Biedermann, als schweigsam-verdrucksten Neurotiker, der ab und zu seine schwyzzer Dialektbrocken herauswürgt und ansonsten sein Geld spart, Sauerkraut in sich reinstopft, in der Nase bohrt und für seinen feisten Meister Kämme macht. Nach und nach kommen zwei andere Kammmacher ins Spiel, ebenso grauenvoll rechtschaffen, geizig und bieder. Die Nachbarstochter, blond und sauber wie aus einer "Heidi"-Verfilmung, doppelt besetzt und durch die Verdopplung vollends zur irrealen Erscheinung stilisiert, wird von allen dreien umworben, wobei ihr sinnlichster Reiz ohne Zweifel in ihrer kleinen Erbschaft besteht. Das ist alles charmant und nicht ohne Komik, aber leider auch schrecklich harmlos. Diese nette und viel zu lange erste Hälfte des Abends ist nicht mehr als ein Vorspiel, das die historische Folie für die Erkundung der schönen neuen Angestelltenwelt im zweiten Teil der Aufführung liefert.

Sei individualistisch!

Aus den verdrucksten Handwerksgesellen sind Start-Up-Kreative geworden, die ständische Ordnung hat sich in die leicht unwirkliche Hysterie des Neuen Marktes aufgelöst. Gehörten zum Sozialcharakter der Handwerker im neunzehnten Jahrhundert Puritanismus, innerweltliche Askese und Geiz, sind jetzt demonstrative Kreativität und zwanghafte Unkonventionalität auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

"Sei gefälligst individualistisch", schnauzt einer der drei Jungunternehmer seinen Partner an. Man lümmelt sich auf rosa Kissen, fährt sich fahrig durch die ungewaschenen Haare und gönnt sich ab und zu eine Panikattacke oder eine manische Phase. Das Kapital des modernen Angestellten ist seine ausgeprägte Persönlichkeit, die er möglichst geschickt zu vermarkten versucht: "Die Idee ist die wahre Ware, aber Du musst sie auch kommunizieren lernen."

Wahrscheinlich sind die Arbeit und das Leben in dieser postindustriellen Welt weit anstrengender und um einiges kränker als die calvinistische Fleiß- und Rechtschaffenheits-Diktatur des neunzehnten Jahrhunderts. Der Inszenierung gelingt es nicht nur, so komische wie bösartige Bilder für die Kultur des ironischen, betont unangepassten Angestellten zu finden, wie sie Mark Siemons, Richard Sennett oder Jeremy Rifkin in ihren Büchern beschrieben haben. Sie sorgt mit waghalsigen Kurzschlüssen auch für die Anbindung und verwirrende Rückkopplung der neuen Arbeitswelt mit der europäischen Kulturgeschichte. Platons Höhlengleichnis wird zur präzisen Beschreibung des virtuellen Raumes, Kleists Erzählung vom Marionettentheater wird zur Parabel über den modernen Manager, der gelernt hat, seine Naivität strategisch zu kultivieren. Und während in der ersten Welt die Kamm-Designer in ihrem Kreativ-Office vor sich hinplaudern, müssen irgendwo die Kämme materiell hergestellt werden - und dieses irgendwo ist logischerweise ein Sweatshop, also eine primitive Fabrik in - Achtung, Kalauer: Kam(m)bodscha. So präzise, intelligent und sarkastisch wurden Rifkins Thesen über den postmateriellen Kapitalismus und Naomi Kleins Anti-Globalisierungsmanifest "No Logo" vermutlich noch nie in ziemlich aberwitziges Theater, notabene Kammerspiel, verwandelt. Kamm together!

Der musikalisch fein gearbeiteten Inszenierung und den jungen, hinreißend aufgelegten Schauspielern zuzusehen, ist zumindest im zweiten Teil eine Freude. Würden Autor und Regisseur etwa achtzig Prozent des unnötig langen, biederen historischen Vorspiels wegrationalisieren, könnte der Abend ohne Frage zu einer Kultveranstaltung werden.

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