Gorki-Theater : Titel, Thesen, Technikgedöns

Sebastian Baumgarten inszeniert "Der Fremde" von Albert Camus am Gorki-Theater mit Wolfram Koch als Hauptdarsteller.

Andreas Schäfer

Statt "Der Fremde" nach der Romanvorlage von Camus, hätte über dem Co-Produktionsabend von Regisseur Sebastian Baumgarten, der vor Monaten schon in Frankfurt am Main und nun im Maxim Gorki Theater Premiere hatte, passender "Das Fremde" nach der Vorstellungswelt des Klischees stehen sollen.

Araber mit Fundamentalisten-Bart, Weiße, die, sobald es um Sex geht, schokobraun angeschmiert werden, und Dunkelhäutige, die, sobald sie einer hellhäutigen Frau ansichtig werden, von der geschmeidigen Haut der Weißen züngeln. Pflichtverteidiger, die sich im "Du bist okay"-Therapeutensprech durch ihre Passagen winden, und Barbiefrauen, die auf High-Heels ihre Rundungen zur Schau stellen müssen. Mein lieber Scholli, man merkt, dass Baumgarten von der Oper kommt. Weite Gesten, großes theatralisches Mundaufreißen. Der Regisseur knallt die Bühne nicht nur mit Technikgedöns wie Flachbildschirmen und Großleinwänden zu, er verpixelt die Handlung um den absurden Menschen Meursault, dem alles gleichgültig ist und der – wie er behauptet – aus Zufall einen Araber tötet, auch in viele Splitter und Zitate, die ungeordnet durcheinander purzeln.

Jede Anspielung mag für sich einen Hauch Sinn abwerfen, in dem wirbelnden Chaos aber, in dem Baumgarten sie präsentiert, entsteht unweigerlich der Eindruck, man glotzte anderthalb Stunden in eine Rumpelschublade des Unbewussten. Dass hier nicht eine Geschichte erzählt, sondern das große Ganze gleich doppeltgemoppelt in den Blick genommen werden soll, zeigt schon der Anfang. Der Schauspieler Falilou Seck liest Texte von Frantz Fanon, einer Ikone der Kolonialismuskritik, aber eben nicht live, sondern reproduziert, vor einer Kamera und über einen Bildschirm gezeigt.

Schwerer Kolonialismusdiskurs über die Domestizierung des Fremden einerseits, ironisches Spiel mit dem Fremdwerden der Welt durch Medien andererseits. Das ergibt zusammen ein hilfloses Schlingern zwischen dem Pathos einer unspezifischen Anklage und der harmlosen Fratze des Versatzstücks. Während ständig etwas über Monitore flimmert, wechselt ein vierköpfiges Schauspielerkollektiv clownesk Kleider und Rollen und bespritzt sich zwischendurch (auch so ein inzwischen alter Bühnenhut) mit Wasser aus Plastikflaschen. An dem ermüdenden Eindruck kann auch Wolfram Koch nichts ändern, dessen angeblich gleichgültiger Meursault wiederum erstaunlich nervös und aufgekratzt über die Bretter schnürt (wieder am 1. 12.). Andreas Schäfer

0 Kommentare

Neuester Kommentar