Kultur : Goschs rabiates Tierleben „Das Reich der Tiere“ am Deutschen Theater Berlin

Jan Oberländer

Rein in die Rolle. Ernst Stötzner und Falk Rockstroh steigen auf die Bühne, sammeln ihren Kram zusammen, Kisten, Eimer. Rühren die Farbe glatt. Sie ziehen ihre Straßenklamotten aus, sind nur noch nackte Männer. Dann greift Rockstroh in den schwarzen Matsch, an seinem Spiegel kleben Bilder von einem Zebra. Er reibt sich langsam ein, Arme, Beine, Gesicht. Stötzner nimmt eine Handvoll helle Farbe, stäubt Sand über sich, wirft eine Löwenmähne über.

Von hier aus geht es los: das Spiel, das Leben, die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs „Das Reich der Tiere“, mit dem die „Trilogie der Tiere“ des 1967 geborenen Dramatikers nun komplett ist. Der dritte Teil wurde in Wien, der erste Teil in Bochum uraufgeführt. Am Deutschen Theater in Berlin inszeniert Jürgen Gosch. Im Bühnenbild von Johannes Schütz geben die Schauspieler das Stück „Im Reich der Tiere“, eine Parabel auf Machtgier, Geilheit, Hinterlist. Löwe Stötzner will anstelle des Zebras Herrscher der Tiere werden. Zuerst droht er den anderen Tieren mit Gewalt, dann intrigiert er gegen das Zebra, bietet Posten an, verspricht Vorteile.

Es ist eine Freude, Goschs Ensemble zuzusehen. Das Spiel präzise und ironisch, verspielt und verzweifelt, doppelbödig und depressiv. Im Schütz-Kasten sind die Bühnenmalocher gefangen wie Zootiere. Austauschbar in ihren Rollen, gesichtlos unter ihren Masken. Da ist Dörte Lyssewski als Antilope Sandra, als Einzige nicht nackt, mit Sommerkleid und wabbeliger Gummimaske. Da ist der zerrupfte Wolfgang Michael als Marabu. Kathrin Wehlisch als Ginsterkatze rennt fauchend gegen die Wand an und hinterlässt gelbschwarze Pfotenabdrücke. Hinter tausend Stäben keine Welt.

Die Welt drinnen ist auch nicht sicher. Denn das Tierstück soll abgesetzt werden, abgelöst durch ein Machwerk namens „Der Garten der Dinge“, in dem die Schauspieler Küchenutensilien darstellen sollen. Der Autor-Regisseur Chris (Niklas Kohrt) träumt von einer „Parabel des Untergangs“. Nebenbei interpretiert er das Tierstück und macht ätzende Bemerkungen über den Theaterbetrieb. Diese Selbstreflexivitäten wirken bisweilen schlaumeierig. Doch der Abend berührt, und er unterhält. Einmal mehr wird klar, dass der volle Körpereinsatz bei Gosch kein bloßer Effekt, sondern essenzielles Zeichen ist. Das Leben, die Rolle geht an die Substanz: Die Katze verliert einen Nagel, der Marabu hat eine Wunde unterm Federkragen. Der Mensch, das verletzliche, verletzte Tier.

Das Finale, der Auftritt der Küchenutensilien, setzt noch eins drauf. Eine Toastbrotscheibe, ein Spiegelei, eine Pfeffermühle und eine Ketchupflasche tasten sich auf die Bühne. Nun läßt Gosch die Küchendinge sich aber nicht gegenseitig „foltern“, wie von Schimmelpfennig vorgesehen. Stattdessen gibt es, noch gemeiner, ein bitter-kuscheliges Plädoyer für die Gemeinschaft. Jeder Einzelne zählt: bei den Tieren, Menschen, im Theater und auf dem Frühstückstisch. Die Utensilien stehen in Reihe, Finger finden zueinander, die Ketchupflasche verspritzt etwas Rot, vor Glück. Dann wird’s dunkel. Als das Licht wieder angeht, brechen die Schauspieler aus ihren Kostümen hervor, dass das Styropor nur so splittert, verbeugen sich, in schwarzer Unterwäsche, auf welcher Ebene auch immer.

Erneut: 9./10./27. 9., 5./17./24./26.10.

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