Gotscheff inszeniert Shakespeare : Krach und schnapp

Wolfram Koch und Samuel Finzi, Margit Bendokat und Almut Zilcher gehören zur Schauspielerfamilie von Dimiter Gotscheff. Mit ihnen hat der Regisseur schon so manche großartige Inszenierung erarbeitet. Am Deutschen Theater widmet er sich jetzt Shakespeares Dramen - in einer wilden Collage.

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Bei Auftritt Mord. Die Gotscheff-Familie auf der Suche nach dem rechten Ton.
Bei Auftritt Mord. Die Gotscheff-Familie auf der Suche nach dem rechten Ton.Joachim Fieguth

Endlich haben wir sie wieder, die Gotscheff-Familie. Lange nicht gesehen und schwerstens entbehrt! Müde plätschert die Spielzeit dahin, es muss ja mal etwas geschehen in diesem Herbst und bald schon Winter allgemeinen Missvergnügens. Da nahen die Retter. Samuel Finzi und Wolfram Koch, Margit Bendokat und Almut Zilcher vom Deutschen Theater (der harte Kern der Gang, erweitert um ein paar erprobte DT-Akteure und eine Band) plündern den Fundus, präsentieren „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“. Eine Collage, ein Schlachtfest. Die Idee ist nicht ganz neu, Dimiter Gotscheff hat an gleicher Stelle mit seinen Getreuen bereits eine Tschechow-Operation vorgeführt („Krankenzimmer Nr. 6“). Aber Shakespeare bleibt am Ende das dickere Brett. Und das härtere Bett.

Wann sind wir zuletzt mit so viel Vorfreude in eine Premiere gegangen! Und dann – passiert wenig. Nein, es passiert eigentlich eine Menge auf der Bühne des DT, deren Himmel voller Scheinwerferungetüme hängt. Katrin Brack schafft einen Riesenresonanzraum, die Lichtbatterien strahlen animalische Bedrohung aus. Die Schauspieler kommen durch die Saaltüren und nehmen in der ersten Reihe Platz. Schnell bestätigt sich der Anfangsverdacht: Das wird eine Casting-Show, ein Vorsprechen und Vorspielen von Galgenvögeln und gekrönten Häuptern. Krach und schnapp, die Rübe ab. Eine Krone ist ein Todesurteil, und Mörder ist ein krisensicherer Beruf. Die Welt leidet an Wiederholungszwang. Dieser wird erstochen, jener vergiftet. Bei Auftritt Mord. Das wird schnell verflucht langweilig. Es passiert viel – und implodiert.

„Nichts als der Tod ist unser Eigenes.“ Margit Bendokat schwebt als Clownshexe herein und heran, mit ihrem erbarmungslos grotesken Organ. Sie lässt das Blut gefrieren, ist einfach schrecklich liebenswert. Als Doppelspieler Jago/Othello legt Wolfram Koch ein starkes Solo hin, Ole Lagerpusch bringt einen Hardrock-Hamlet, Samuel Finzi stürzt als Julius Cäsar in einen kläglichen Tyrannentod („Auch du, Wolfram ...“), das sind schon die besten Momente. Von Zusammenspiel kann nicht ernsthaft die Rede sein in diesen aneinandergehängten Szenen (aus „Macbeth“, aus „Richard III“, den üblichen Verdächtigen). Es wird mächtig gebrüllt und deklamiert, die vier Musiker parodieren Free-Jazz, die Sängerin Ruth Rosenfeld trägt Feierliches vor. Nur, es fehlt bei Gotscheffs ShakespeareDurchleuchtung und -Zerteilung an Kontrastmitteln. Vor allem jedoch ist dieTextversammlung von Ivan Panteleev unter der Hand eine Hommage an Heiner Müller geworden. Wir sind in Müllers Shakespeare Factory.

Gotscheff ist der Letzte, der sich noch um seinen Heiner müht. Der ihn pflegt und aus der Vitrine holt. Und andächtig wieder zurückstellt. Das Leben eine Mördergrube, der Mann ein Springer von Loch zu Loch und Grab zu Grab, die Frau Opfer und Übermacht, Töten als Fortschrittsprinzip, Herrschaft als schlechter Witz, am Ende laben sich die Würmer ... Das Problem: Der 1995 verstorbene Heiner Müller hatte daran seinen bösen Spaß. Gotscheff hinterlässt den Eindruck massiver Resignation. Große Enttäuschung.

wieder am 29. November sowie am 2., 13., 16. und 21. Dezember

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