Kultur : Gott ist ein Tier

NAME

Von Olga Martynova

Sein Tiergarten ist zugleich ein Denkgarten. „Die Formen der Tiere als Formen des Denkens“, notiert Elias Canetti in einem seiner Texte über Tiere. Und wen treffen wir in seinem Tiergarten? „Ein Tier, das sich durch Nahrungsaufnahme bis ins Unendliche vergrößert“ - das ist schon fast ein fertiges Märchen. Oder es entstehen unerhörte Arten: „Ein feierliches Tier, aus Tiaren zusammengesetzt“. Die Tiere sind unverständlich: „Forellen, die auf Schwalben Jagd machen“. Sie sind gefährlich und gefährdet, und sie haben ein anziehendes Geheimnis. Sie zu verstehen, bedeutet einen Käfig für sie (und für sich) zu bauen: „Ein Traum ist wie ein Tier, aber ein unbekanntes, und man übersieht nicht seine Glieder. Die Deutung ist ein Käfig, doch der Traum ist nie darin.“

Natürlich sind Tiere für Canetti auch die warmen, realen, lebendigen Geschöpfe, denen sein Mitleid, sein Schuldgefühl, seine Bewunderung gelten. Wie die zum Markt geführten und zum Schlachten verkauften Kamele, die alten englischen Damen ähneln, „die würdevoll und scheinbar gelangweilt den Tee zusammen einnehmen, aber die Bosheit, mit der sie alles um sich herum betrachten, nicht ganz verbergen können.“ Neben den wirklichen Tieren, der großen Sehnsucht seiner Kindheit, faszinieren Canetti die Möglichkeiten, die Tiere dem Denken geben: „Was ein Tiger ist, weiß ich wirklich erst seit dem Gedicht von Blake.“ Was spricht aus diesem Satz: die Liebe zum Tier oder die Liebe zur Poesie? Ist es ein Lob der Zeilen Tyger Tyger, burning bright, / In the forest of the night, oder eine Hommage an das wirkliche Tier, das an ein leuchtendes Feuer im nächtlichen Wald erinnert?

Elias Canetti hatte – trotz seines Erfolges beim Publikum und höchster Auszeichnungen bis hin zum Literatur-Nobelpreis – ein seltsam traurig anmutendes Schicksal. Einerseits sein nie nachlassendes Können und Wollen, Worte in Sätze zu fassen, die zu den schönsten in der deutschsprachigen Literatur gehören. Andererseits fängt man (unwillkürlich, doch von manchem bitteren Wort Canettis unterstützt) an, zu rätseln, was ihn daran hinderte, weiter Romane und Theaterstücke zu schreiben.

Gewiss ist dies schiere Leser-Undankbarkeit. Wie die gegen den menschlichen Hochmut gerichtete Frage, wieso Gott menschliche Gestalt annehmen soll („Ein Gott, der alle Tiere wäre, aber nie wie ein Mensch“ – eines der lakonischen Sinnbilder Canettis), kann man auch fragen, wieso große Literatur unbedingt ein Roman oder ein Theaterstück sein soll. Doch wird Gott meistens anthropomorph dargestellt, und so erwartet man auch, Literatur in einem festen Rahmen (im Käfig) zu sehen. Deshalb ist die Idee so gewinnend, aus dem Ozean von Elias Canettis Aufzeichnungen, die so schön und so blendend sind, eine thematische Auswahl zu treffen. Warum nicht mehrere? Bei der Lektüre dieses schmalen Bandes entsteht der Wunsch nach weiteren Experimenten: einer Sammlung über den Tod, über Gott oder über den Schmerz. Es könnte aus dieser Idee eine ganze Reihe von neuen Canetti-Bücher wachsen.

Chronologisch angeordnete Fragmente, entnommen nicht nur den „Aufzeichnungen“, sondern auch der „Blendung“, „Masse und Macht“ und Canettis autobiografischen Aufsätzen, bilden eine Art Mosaik – Canettis Anthologie der Tiere. Fesselnd an jeder guten Anthologie ist die Entstehung zufälliger Zusammenhänge, neuer Blickwinkel, so auch im thematischen Querschnitt durch Canettis Nachlass.

Viele Themen überschneiden sich: So würde die Formulierung „Worte, vollgesogen wie Wanzen“ auch ins hypothetische Canetti-Buch der Sprache passen, wie auch viele seiner Sätze über das Schweigen – die Kehrseite der Sprache und das Geheimnis der Tiere: „Ein sprechendes Tier wäre nicht mehr als ein Mensch.“ Also ist ein Mensch ein Tier, das spricht. Canetti bestimmt ihn auf seine besondere Weise: „Raubtier der Trauer, Mensch“.

Elias Canetti: Über Tiere. Nachwort von Brigitte Kronauer. Carl Hanser Verlag, München 2002. 120 Seiten, 12,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben