Kultur : Gott ist ein Witzbold

Shlock Shop: eine Hommage an den jüdischen Kitsch

Thomas Lackmann

Der jüdische Troll hat Kartoffelnase und Glubschaugen, blaues Zottelhaar und eine weiße Kippa, trägt zudem ein debiles, sehr freundliches Grinsen und einen weiß-blauen Gebetsschal mit Davidstern. Auf der seidigglänzenden Sabbathaube für den PC steht in hebräischer Schrift „Am siebenten Tag sollst du ruhen“. Die „Menorah High-heel Shoe“ ist ein neunarmiger Leuchter aus bunten Porzellan-Stöckelschuhen. Die schnurrbärtige Rabbi-Puppe mit niedlicher Thorarolle spendet Mülltüten für die Küche. Das rosa Schlabberlätzchen trägt den Aufdruck „Little Jewish Princess“. Der tanzende Chassid aus Muranoglas stammt – garantiert made in the ghetto – aus dem Souvenirshop im historischen Ghetto von Venedig. Das plüschige Kampfkamel in der Uniform der israelischen Armee bewacht das Gelobte Land.

„Shlock Shop“ heißt ein Büchlein von Hanno Loewy und Michael Wuliger, das im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems (Österreich) erschienen ist. „Jüdischer Kitsch und andere heimliche Leidenschaften. Identity Shopping, Gott im Detail und die Sehnsucht nach den Dingen des Glücks“ wird die Unternehmung dort angekündigt. Der expandierende Titel zeigt die Abgrenzungsprobleme des Themas. Die Autoren definieren ihren Kitsch als „ein Versprechen auf Glück, das zwar nicht eingelöst wird, aber die Hoffnung darauf wirksam am Leben hält“. Vor allem auf dem amerikanischen Markt, wo für solchen nützlichen Gebrauchs-Nippes die Jinglisch-Bezeichnung „Shlock“ erfunden wurde, sind sie fündig geworden. Der Witz der Zusammenstellung funktioniert vor allem durch zwei Tabu-Brüche. Für gläubige oder weniger fromme Juden erzeugt die Berührung religiöser Alltagstraditionen mit dem säkularen Lebensstil mitunter ironische Reibung. Für deutsche Nichtjuden stellt sich der erleichternde „Alles-auf-Zucker“-Effekt ein, weil Jüdisches in diesem Kontext lächerlich und geschmacklos sein darf. Man wolle das positive Klischee widerlegen, dass die Juden ein kultiviertes Volk seien, schreiben die Autoren, und halten den Bumerang parat: „Wer unter Euch ohne Kitsch ist, der werfe die erste Gipsmadonna!“

Ob Kitsch gut oder böse ist, wissen Juden und Nichtjuden heute längst nicht mehr so genau wie in der guten alten Zeit. Der Begriff soll um 1870 im Münchner Kunsthandel aufgetaucht sein und – im Wortfeld von klatschen und klitschen – so etwas wie „zusammengeschmierter Dreck“ bezeichnet haben. Der österreichische Kunstmaler Adolf Hitler war sich noch ganz sicher, dass 90 Prozent der allgemeinen Kitschproduktion auf das Konto der Juden gehen. Der österreichische Schriftsteller Hermann Broch hat dagegen den Spießer Hitler als typischen Kitsch-Menschen identifiziert. Der postmoderne Konsument findet sich wiederum ganz gern damit ab, dass Kitsch im Auge des Betrachters entsteht. Das Shlock-Projekt erkennt in der ironischen Liebe zum Kitsch vor allem ein Bedürfnis, sich verschämt oder grinsend der eigenen porösen Identität zu versichern. So bietet der Shlock-Shop auch Relikte, die den Aspekt der Vertreibung und der Wanderung sentimental umspielen: den im Gebet hin und her wackelnden Juden an der Klagemauer-Wanduhr, den Chanukka-Leuchter mit wartenden jüdischen Immigranten vor der Freiheitsstatue. Identity Shopping trainiert nebenbei die Fähigkeit, sich über sich selber lustig zu machen: über das eigene Judentum, den eigenen Philosemitismus, den beschnittenen Gartenzwerg in uns allen. Ich kitsche, also bin ich.

Hanno Loewy/Michael Wuliger: Shlock Shop. Die wunderbare Welt des jüdischen Kitschs. Mosse Verlag Berlin, 143 Seiten, 11,80 Euro.

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