Kultur : Gott ist Geometriker

Spät – zum 150. Geburtstag: Stuttgart erinnert an den Maler Ferdinand Hodler

Nicola Kuhn

Selbst Paul Klee war sich nicht sicher, was er von „diesem Hodler“ halten sollte. Im Winter 1911 hatte er als Korrespondent der schweizerischen Monatszeitschrift „Die Alpen“ dessen Ausstellung in der Münchner Galerie Thannhauser besucht und anschließend seinem Tagebuch anvertraut: „Er weiß gut, den Menschen in seiner Gebärde zu charakterisieren, das bleibe ihm belassen. Aber mich beunruhigen diese Figuren alle, die aussehen, als ob sie den Frieden nicht finden könnten.“ Das haben sie bis heute nicht. Und trotz aller Extreme, die seitdem die Darstellung des Menschen in der Kunst durchlaufen hat, beunruhigen Ferdinand Hodlers (1853-1918) Figuren noch immer.

Die exaltierte Geste, der dramatische Aufbau, die strenge Komposition seiner Gemälde bannt bis heute die Betrachter. Hodler-Ausstellungen sind noch immer starker Tobak. Deshalb wird es auch keinen Einbruch in der Rezeption dieses Malers geben, nachdem im vergangenen Jahr sein 150. Geburtstag gewürdigt worden ist. Andere Künstler wären nach einem solchen Jubiläum erst einmal dem Vergessen anheim gegeben. Allein in Stuttgart und Zürich sind derzeit parallel zwei Einzelausstellungen zu besuchen; am machtvollen Oeuvre des Meisters hat man sich längst noch nicht satt ge sehen.

Während das Kunsthaus Zürich aus den Vollen seiner Sammlung schöpft und sich allein Hodlers Landschaftsmalerei widmet, präsentiert die Galerie der Stadt Stuttgart mit einer Übersichtsschau erstmals überhaupt eine Ausstellung des Schweizer Künstlers in der hessischen Landeshauptstadt. Dabei war Stuttgart vorneweg bei der Erwebung eines Gemäldes von dem Wegbereiter der Moderne. 1908 kaufte die Staatsgalerie als erstes deutsches Museum ein Werk von ihm; da war der Schweizer allerdings schon seit acht Jahren Mitglied der Berliner Secession. 1911, im Jahr als Klee seine Bilder studierte, befand sich Hodler auf dem Höhepunkt seiner deutschen Karriere: Dem neuen Rathaus in Hannover sollte er ein Wandbild malen, in Köln und Frankfurt ausstellen, in Berlin wurde er zum Ehrenmitglied der Secession gekürt. Die Begeisterung währte jedoch nicht lange. Nachdem sich Hodler 1914 einem Protest gegen die Beschießung der Kathedrale von Rheims durch deutsche Truppen angeschlossen hatte, warf man ihn kurzerhand aus allen Künstlervereinigungen des Landes heraus.

Seinen Gemälden merkt man diese Unbilden freilich nicht an. Sie scheinen ohnehin, nicht von dieser Welt. Die Figuren sind in schlichte blaue Reformkleider gewandet und zu statuarischen Posen eingefroren, die an Figurinen des damals in Mode gekommenen Ausdruckstanzes erinnern. Genau wie dieser suchte Hodler nach neuen Ausdrucksformen und glaubte sie in einem „Parallelismus“ zur Natur, wie er es nannte, gefunden zu haben. Gerade das macht die Stuttgarter Ausstellung interessant: Sie zeichnet die rasante Entwicklung eines Malers nach, dessen Anfänge im 19. Jahrhundert verankert sind, um sich innerhalb kurzer Zeit der Abstraktion anzunähern. Dennoch ist Hodler immer Realist geblieben; wie Cézanne hat er jedoch die Geometrie als Baumeister der Natur gesehen. Seine intensiven Farben, die Betonung des Ornamentalen, die jugendstiligen Konturierungen täuschen uns nur allzu leicht darüber hinweg.

Genährt wird diese Haltung aus einer Frömmigkeit, wie sie noch 1882 unverhohlen aus dem Gemälde „Die Andacht“ entgegentritt: Ein Priester hat, tief ins Gebet versunken, die Hände über der Brust gefaltet; um ihn steht die kleine Gemeinde, auf deren Gesichtern sich verschiedene Grade der Innerlichkeit ablesen lassen. Der Ausdruck innerster Zustände blieb zeitlebens Hodlers Thema, wenn auch in säkularisierter Form. „Im Grunde habe ich noch keine andern als religiöse Bilder gemalt“, soll er einmal gesagt haben. Letztlich sind selbst die Landschaftsbilder Formulierung einer Andacht, denn Hodler war Theosoph und suchte auch in der Natur nach dem göttlichen Prinzip.

Eine eindrucksvolle Parallele findet sich in den Darstellungen der sterbenden Valentine Godé-Varel, seiner Lebensgefährtin. Das knochige Gesicht der Todgeweihten malt er wie ein Gebirge, die Silhouette ihres ausgemergelten Körpers nähert sich einer Horizontlinie an. Ihr Tod im Jahr 1915 sollte eine Wende in Hodlers Landschaftsmalerei bezeichnen, die immer radikaler, immer minimaler wurde. Die Stuttgarter Ausstellung zeigt ein Werk von 1918, seinem eigenen Todesjahr, in dem er durch Krankheit geschwächt, das Haus nicht mehr verlassen konnte und den geliebten Genfer See mit dem Montblanc-Massiv nur noch aus dem Fenster heraus malen konnte. Das Bild zeigt vor allem das klare Blau des Gewässers, in groben roten Strichen darüber die Konturen des Gebirges und eine Andeutung von Himmel mit Wolken. Oben und unten blickt die Leinwand durch. Anscheinend blieb es unvollendet, wohl eines seiner Letzten, doch gerade durch die Offenheit der Struktur wegweisend.

Dass dies kein Zufall ist, zeigt die eindrucksvolle Galerie der Selbstporträts, die in Stuttgart versammelt ist: angefangen mit dem Selbstbildnis von 1892, das ihn statuarisch, korrekt gekleidet und in realistischer Manier dargestellt zeigt, bis hin zu jenem dynamischen Porträt mit grünem Kittel von 1917, dessen Pinselstrich an Vincent van Gogh erinnert. Wie aus einer Bewegung heraus wendet sich der Maler dem Betrachter zu, den Oberkörper leicht vorgebeugt, im Bart reflektiert sich das intensive Grün seines Kittels. Es ist Spekulation, welchen Weg er weiter gegangen wäre, denn eine ausgelassene Fotografie des Malers aus dem Vorjahr – Hodler mit Pinsel und Palette auf den Schultern eines Freundes – beweist seine Lebhaftigkeit noch wenige Monate zuvor. Die anhaltende Spannung seiner pathetischen Figurenbilder, die Monumentalisierung der Landschaft sollte sein Vermächtnis bleiben.

Galerie der Stadt Stuttgart; bis 12. April; Katalog 19 Euro.

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