Kultur : Gott ist nicht mehr

Vor dem Friedenspreis: Anselm Kiefer zeigt in Berlin seine „Bücher“

Peter von Becker

Der große Blickfang heißt „Am Anfang“. Und doch setzt Anselm Kiefers fast sechs Meter breites, knapp drei Meter hohes Bild in Céline und Heiner Bastians Berliner Ausstellungshaus gegenüber der Museumsinsel den emphatischen Schlussakzent – eines Werke-Reigens, der sich schlicht „Bücher“ nennt. Als vor einigen Monaten die überraschende Meldung kam, dass der seit anderthalb Jahrzehnten in Frankreich lebende Künstler als Nicht-Schriftsteller in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten würde, haben der Preisträger und sein Wegbegleiter Bastian spontan diese Ausstellung beschlossen.

Tatsächlich ist der 62-Jährige, vor allem durch monumental ausgreifende Entwürfe zum Welt-Künstler avancierte Maler, Skulpturist und Rauminszenator der Literatur immer nahe gewesen. Wohl über 200 „Kunstbücher“ hat er gestaltet, von denen selten mehr als nur Einzelbeispiele ausgestellt wurden. Nie hat Kiefer dabei direkt mit Schrifstellern zusammengearbeitet, schon gar nicht als Text-Illustrator. Kiefer schafft aus seinen bevorzugten Materialien Blei, Acryl oder mit farbigem Sand, Tonerde, Holz und Haaren, Emulsionen und Fotografien beschichteten Kartons nur Unikate. In der Regel mindestens im Format einer ausgebreiteten Landkarte.

Es sind geistige Topografien: oft inspiriert von (gelegentlich mitzitierten) Metaphern und Versen aus dem Mythos, vom Gilgamesch-Epos über die Bibel bis zu germanischen Sagen, sowie von modernen Dichtungen, etwa des tragischen Poeten-Liebespaares Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Bastian präsentiert unter den 18 durchweg hochkarätigen Werken freilich nicht die für Kiefer bezeichnenden großformatigen Bibliotheken aus Blei oder Skulpturen, bei denen ein aufgeschlagenes Buch aus Metall den erstarrten Schwingen eines abgestürzten Engels der (Benjaminschen) Geschichte gleicht.

Bis auf einige Bild-Bücher aus den neunziger Jahren und das Großwerk „Am Anfang“, mit einem geöffneten, noch schriftlosen Buch aus Blei über einem blaugrau-bräunlichen, melancholisch suggestivem Meereshorizont (1985), stammen die Objekte und Malereien aus den letzten Jahren. Es sind Exempel einer Natur und Kunst, Mythos und Geschichte synkretisch zusammenfügenden „Archäologie des Erinnerns“ (Kiefer). Diese fördert immer wieder Erstaunliches zutage. Beispielsweise die mit kohligen Zweigen, Kleber und Kreide versetzte Fotografie in der bei Bastian aufgeschlagenen Doppelseite des Buchs „Halme der Nacht / Paul Celan“. Man sieht hier eine Winterlandschaft, die Halme eines abgemähten Felds erscheinen als Heer von Grabkreuzen, und im Vordergrund sind so etwas wie übergroße Fußspuren im Schnee zu erkennen: als sei ein Riese, ein nunmehr abwesender Gott durch dieses Stillleben des Todes, durch diese nature morte geschritten.

Das Düstere in den Werken wirkt zugleich sonderbar erleuchtet, nicht nur im Buchbild einer nächtlichen Galaxis. Und das Bleierne, manchmal mystisch oder gar teutonisch Tiefernste beginnt zu schweben. Das ist der wunderliche, gerade auch Franzosen, Italiener, Spanier an diesem deutschen Künstler so sehr anziehende Kiefer-Effekt. Ob das auch in der Paulskirche noch durchklingt, wird man nun hören und sehen.

Galerie Bastian, Am Kupfergraben 10, 18. 10. bis 29. 11.; Do./Fr. 11–17 Uhr, Sa. 11–16 Uhr; Buch (Schirmer/Mosel Verlag) 58 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben