Kultur : Gott schickt eine SMS

Und wohin treibt das Buch? Eindrücke von der Frankfurter Messe

Gregor Dotzauer

Please meet Mr. Eswaran. Da steht er, eingehüllt in sanft vom Band zirpende Wölkchen einer indischen Sitar und in das Selbstbewusstsein seines unternehmerischen Erfolgs. Er umspinnt seine Zuhörer mit so makellosem Englisch, dass „Das Reich der Stille“, das sein erstes Buch verspricht, in eben diesem Moment ganz und gar nicht von dieser Welt ist. Wir könnten Vijay Eswaran in seiner Heimat Malaysia treffen, von wo aus er den Großteil seiner Geschäfte in mehr als 168 Ländern lenkt. Wir könnten ihm, dem indischstämmigen Multimillionär, in seinem Zweitwohnsitz Hongkong begegnen oder in Singapur, wo sein eigens für das Buch gegründeter Verlag Rythm House angesiedelt ist. Doch wir machen es uns leicht und treffen ihn in einem Salon des Luxushotels an der Frankfurter Buchmesse, wo Rythm – die Abkürzung für „Raise Yourself To Help Mankind“ – für Eswarans spirituelle Sinnsprüche von Pflicht, Demut und Ich-Entsagung wirbt. Eswaran ist eine Mischung aus Dale Carnegie, Konfuzius und Mahatma Gandhi, und sein Buch dürfte das erste sein, das General Norman Schwarzkopf, Goethe und Mutter Teresa zitiert. Aber welche Beschränkung soll man von jemandem erwarten, der seine Stellung mit Goldhandel im Internet begründet und auf Telekommunikation, Fernsehen und Tourismus ausgedehnt hat?

Wenn wir ihn besser kennen würden, dann würde er auch uns von unterwegs Mails und SMS von dem halben Dutzend Blackberries schicken, von denen aus er Tag und Nacht Geschäftspartner und Freunde mit Nachrichten beschickt – Eingebungen, aus denen auch sein Buch entstanden ist. „Die Erwartungen, die mit einer SMS oder E-Mail verbunden sind“, glaubt er, „die Reflexion hinter dem geschriebenen Wort, geben Anlass zu neuen Gedanken, im Gegensatz zum rein auf Reaktion basierenden Gespräch. Schreiben ist deshalb so anspruchsvoll, weil der Geist mehr inhaltliche Substanz verlangt als der Mund.“ Und weil nicht jeder den gewichtigen Band mit sich herumschleppen kann, sind die wichtigsten Stellen des Buchs auch als Mem-Cards erhältlich: 27 Weisheiten in Spielkartengröße, die man sich zur Nebenbei-Lektüre ins Portemonnaie steckt oder in der beigefügten Vinylhülle auf den Schreibtisch stellt.

Das Buch ist für Eswaran die würdigste Form, um „Das Reich der Stille“ zu präsentieren. Aber so, wie es zuvor aus virtuellen Botschaften entstanden ist und ein zweites Leben in Gestalt von Mem-Cards führt, ist es dennoch nur ein Übergangsmedium – mit der Tendenz, seinen Ursprung zu feiern: den reinen Geist. Wohnt Gott nicht in der kürzesten SMS?

Das alles ist aber noch gar nichts gegen die grenzenlose Konvertierung von Texten. Die Koreaner, Ende des 14. Jahrhunderts noch vor Gutenberg die Erfinder beweglicher Drucktypen, propagieren sie in ihrer Messehalle mit dem U-Book. Das E-Book, die große Hoffnung der Branche, der vor ein paar Jahren – bis zur großen Ernüchterung – sogar eine eigene Halle für Electronic Publishing gewidmet war, ist tot. Das ubiquitous book, die Kreuzung von Handy, Notebook und Print-on-Demand-Maschine, hat Chancen, länger zu leben. Denn es will nicht die Buchseite durch den Bildschirm ersetzen, sondern Fernbedienung und Navigationsinstrument für gleichrangige Aggregatszustände von Texten sein.

Bei den Koreanern lässt sich das aufs Schönste üben: Man kann Liebesgedichte, typografisch gestaltet, per SMS versenden, Bücher auf den ausliegenden Palmtops lesen und mit Hilfe eines Codes ausdrucken. Künftig könnte man also morgens mit elektronischer Lektüre beginnen, ein fertiges Exemplar bestellen und nach dem Frühstück beim nächsten Buchhändler abholen oder sich ins Haus liefern lassen – zum Verschenken mit eingedruckter Widmung. Oder man könnte es als Audiodatei herunterladen und im Auto hören.

Es geht um die völlige Entgrenzung des Produkts Buch – und dabei weniger um die Überwindung der Gutenberg-Galaxis als um deren Neuordnung. In der Geschichte dieser Galaxis ist es deshalb nicht mehr als eine Aufsehen erregende Fußnote, dass Anfang November die digitale Variante der 30-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie als schicker USB-Memory-Stick erscheint. Dazu kommen DVDs, die den Textkorpus um zahllose Audio- und Videodateien erweitern, was einem nicht nur erlaubt, Mozart oder Miles Davis probezuhören, sondern auch dem Miauen einer Wildkatze zum entsprechenden Eintrag zu lauschen.

In der Mitte des Messegeländes befindet sich eine kreisrunde Brockhaus-Piazza aus riesigen Lexikonbänden, in deren Mitte sich ein Memory-Stick-Altar befindet. Hier ist die Erinnerung an die Buchausgabe, die einst der Schmuck jedes bürgerlichen Wohnzimmers war, noch präsent. Mit knapp 1500 Euro ist der digitale Brockhaus aber eine Investition, die man sicher nur einmal im Leben macht – in der Hoffnung, dass die Chancen einer solchen Lösung (unkomplizierte Updates) die Risiken (Schnittstellen-Umbrüche und Speicherkorrosion) aufwiegen.

Die Frage bleibt, ob es neben all den wunderbaren Erweiterungen durch die digitalen Möglichkeiten nicht doch eine heimliche Dominanz des Internet gibt – und damit wiederum die offene Vorherrschaft eines einzelnen Unternehmens. Der europäische Start von Google Print (in Deutschland http://print.google.de), den die amerikanische Firma in Frankfurt feierte, ist jedenfalls eine Revolution. Neben Netzinhalten lassen sich nun auch Bücher im Volltext durchsuchen. Zunächst im Programm von scanwilligen Verlagen, die Google kostenlos aufnimmt. Und in Zukunft auch im Bibliotheksprogramm, dem sich bisher fünf große angelsächsische Universalbibliotheken von Harvard bis Oxford mit urheberrechtsfreien Titeln angeschlossen haben. Das Einscannen wurde jedoch gerade ausgesetzt, nachdem die amerikanische Author’s Guild gegen Google wegen Verletzung von Copyrights geklagt hat. Ihre Bedenken sollten sich juristisch wie technisch klären lassen: Google garantiert, dem Rechercheur jeweils nur Buchfragmente zugänglich zu machen. Noch nicht ausgemacht ist dagegen, wie sich dabei öffentliche und private Interessen vermengen.

Für kleine Verlage und entlegene Titel ist Google Print ein unvergleichliches Marketing-Instrument: Sofortige Bestellung online wird gewährleistet. Es ist auch gut möglich, dass Bibliotheken auf diese Weise neue Leser gewinnen. Vor allem wird jede Google-Recherche aufgewertet. Sie erstreckt sich nämlich in einen halbwegs verlässlichen Wissensraum, den das unzuverlässige Internet bis heute kaum erreicht. Die Würde des Buchs adelt das unwürdige Internet.

Das ganze Projekt, dessen Umrisse sich nur ahnen lassen, zeugt allerdings von einem Ehrgeiz, der leicht in Hybris umkippen kann. Letztlich geht es um die Katalogisierung und Verschlagwortung aller je erschienenen Titel. Das hätte sich nicht einmal der schreibende Bibliothekar Jorge Luis Borges träumen lassen.

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