Kultur : Gott spricht nicht

Reinste Wortmusik: Barbara Freys „Phädra“ am Münchner Residenztheater

Mirko Weber

Ja, mach nur einen Plan … Aber der hier geht ganz großartig auf. Und zwar so: Die gerade 40 Jahre alte Regisseurin Barbara Frey aus Basel – am Münchner Residenztheater unter Dieter Dorn hervorgetreten durch ein furchtlos rhythmisiertes „Endspiel“ und einen beherzt ausgehörten „Onkel Wanja“ – nennt, ohne zu zögern (und ausführlich im Programmheft), den geistigen Vater ihrer Recherchen zu Racines „Phädra“ aus dem Jahr 1677: Es ist Roland Barthes, der französische Strukturalist.

Nun könnte einem das natürlich grad Wurst sein, weil ja uninteressant ist, was eine gewollt hat, so lange man auf der Bühne nicht sieht, was sie will. Hier sieht man’s aber, denn bei Barbara Frey, die überhaupt ein seltener Fall von Begabung zu sein scheint, verschmelzen Theorie (Barthes’ Essay „Sur Racine“ stammt aus Freys Geburtsjahr 1963) und Praxis so trefflich wie schmerzlich. Ungerührt geht aus dieser Vorstellung wohl keiner raus.

Die da stehen nämlich – in einer zeitlos eleganten, palisandereingefassten Hotelhalle (Bühne: Bettina Meyer) – sind nun keine Versailler Griechen mehr, also Menschen aus Vers und Marmorblut, sondern Archetypen, die ihr Herz aufmeißeln. Gebeugt allesamt, denn es steckt ja mehr in dieser Tragödie als nur die Räuberpistole von der Mutter Phädra, die den Stiefsohn Hippolytos liebt und stirbt, nachdem er zuvor schon gestorben ist – auf Geheiß des Vaters Theseus. Der eigentliche Dramaturg dieses Stückes ist bei Racine ein kalter, unbegreiflicher Gott, mit dem nicht zu reden ist. Vielleicht steckt er in München in der schönen Jukebox, die am rechten Rand der Bühne steht und stumm bleibt. Es gibt keine Musik hier. Gott spricht nicht. Er lässt die Menschen in der Stille sterben. Nicht einfach. Aber so.

Es ist diese Stille, aus der die Phädra nach dem Modell von Barthes dreimal den Ausbruch versucht: Zuerst beichtet sie sich selbst die Liebe, dann eröffnet sie die Hyppolytos (sich vergessend), schließlich beichtet sie alles (nein, nicht alles) Theseus – und löscht sich aus. Sibylle Canonica spielt das mit aller ihr eigenen handwerklichen Brillanz, aber nicht als schauspielerisches Kunststück, sondern buchstäblich als erlebte Rede. So stürmisch und gleichzeitig hauchzart und bitterböse überspielt, verliert Racine alles Kalkulierte, denn Barbara Frey erkennt hinter der gestochenen Partitur der „Phädra“ die eigentliche Melodie: Es sind die menschlichen Lebensliebeleidnoten, und die arrangieren sich zum Beispiel bei Sibylle Canonica und ihrer Vertrauten Önone (Juliane Köhler) oft als stummes Duett: Wenn Phädra zuckt, zittert Önone hinter ihrem Körper als Schatten mit; die eine scheint den Verstand zu verlieren, die andere behält ihn. Erst ganz zum Schluss entledigt sich Juliane Köhler als Gouvernante der Macht ihrer Hausjacke und fasst vor dem Selbstmord einmal selbst in einer kleinen Umarmung ihre Arme an, um zu spüren, ob denn da mehr sein könnte als nur treue Pflichterfüllung und Staatsraison, denn da wäre schließlich noch: sie selbst. Aber da ist es zu spät.

Manchmal wird der leise, immer dringliche Sprachduktus des insgesamt von Lisa Wagner (Arikia) bis Theramenes (Richard Beek) hoch besetzten Ensembles durch gleich wieder unterdrückte Schreie unterbrochen. Lambert Hamel als Theseus passiert das mehrmals, und man sieht förmlich, was sich da bei diesem Betrüger von Hause aus alles angesammelt hat und nicht heraus kann. Letztlich bleibt ihm nur die Implosion. Von einem Halbgott ist kaum mehr etwas übrig, aber das Wenige, was da noch ist, spielt Hamel göttlich.

Der Abend geht über gut zwei pausenlose Stunden, und wo auf dem Papier selbst in der Übersetzung von Simon Werle öfter die klassizistischen Maschinen sprechen, hört man in München bei Barbara Frey am Ende nur noch Menschen reden – und aus der Stille immer wieder: Wortmusik. Das ist, unter anderem, eine kleine Meisterleistung.

Wieder am 23. April und am 4. und 10. Mai .

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