Kultur : Gott und die Glotze

Neue Filme von Ulrich Seidl, Cristian Mungiu und Matteo Garrone beim Festival in Cannes.

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Willkommen in der Komfortzone. In „Paradies: Liebe“ treffen europäische Touristinnen auf afrikanische Beachboys. Foto: Festival
Willkommen in der Komfortzone. In „Paradies: Liebe“ treffen europäische Touristinnen auf afrikanische Beachboys. Foto: Festival

Zu den beliebten Übungen von Festival-Filmkritikern gehört es, bereits an drei, vier Wettbewerbsbeiträgen den aktuellen Zustand der Welt abzulesen. Meist lässt sich ruckzuck feststellen: Der Welt geht es schlecht. Familienstrukturen lösen sich auf, Männer leiden unter starken Frauen oder – zuletzt seltener – auch umgekehrt, und sollte sich das Filmpersonal mal richtig fit präsentieren, macht es spätestens die aktuellste Weltwirtschaftskrise platt.

In Cannes scheint dieses Jahr sogar die Festivalleitung subtil an der Schmerzensschraube mitzudrehen. Während draußen Windjacken und Regenschirme eher vom Charme des Kinofests Reykjavik künden, geht im Saal die Liebe gleich reihenweise zugrunde. Anfangs mochte sie, etwa in den Nischen pubertären Erwachens („Moonrise Kingdom“) oder Körperbehinderungen trotzender Vitalität („De rouille et d’os“) einige Widerständigkeit entfalten. Inzwischen bleibt von ihr nicht einmal mehr die Sehnsucht. Sondern die Liebe wird kurzerhand substituiert.

Oder wie soll man es nennen, was übergewichtige, alleinreisende Österreicherinnen in Kenia so treiben? In ihren schicken Resorts erheben sie sich von den Pool-Liegen und wackeln zum Strand, wo der Streichelzoo der schwarzen Männer wartet. In Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ ist es die Mittfünfzigerin Teresa (Margarethe Tiesel), die sich von den sogenannten Beachboys Liebe kauft. Natürlich wollen sie bald mehr. Mehr Geld – für die armen Verwandten, vorzugsweise im Krankenhaus. Teresa zahlt, sucht sich einen neuen Beachboy, eine neue Anfangsillusion, so läuft das triste Spiel. Bis sie auf einen Mann trifft, den nicht mal mehr ihr Geld erregt.

Serientäterinnen sind die Touristinnen, Serientäter aber auch die Männer auf ihre Weise und jeder jemandes Opfer. Anders noch als Laurent Cantets „In den Süden“ (2006), der dem Thema im politisch unruhigen Haiti der siebziger Jahre und mit Eifersüchteleien zwischen den Touristinnen noch eine gewisse Spielfilmgeschmeidigkeit beimischte, guckt Seidl wie immer roh auf das Rohe. „Paradies: Liebe“ ist so nackt wie seine ausgestellten Körper, wobei professionelle Schauspielerinnen die Sugar Mamas spielen, echte Beachboys aber die Beachboys.

So lässt sich dieser hybride Film doppelt lesen – als Dokumentation industrialisierter Sexualität und als Albtraum einer augenblicksweise anrührenden Altfraueneinsamkeit. Immerhin die Moralfrage, inwieweit krude Realität für Spielfilmambitionen instrumentalisiert werden darf, stellt sich etwas milder als zuletzt bei „Import/Export“ (2007), bei dem Seidl die Kamera gnadenlos lange auf Sterbende in einem Hospiz hielt.

Keine Liebe, nirgends, auch in Matteo Garrones „Reality“, aber das wäre vom Regisseur, dessen Name sich vor allem mit dem todeskalten Camorra-Drama „Gomorrha“ (2008) verbindet, auch zu viel verlangt. „Reality“ erzählt von einer fixen Idee, die alle menschlichen Bindungen verschlingt. Ein neapolitanischer Fischhändler will unbedingt in den Cast von „Grande fratello“, dem italienischen Spätausläufer von „Big Brother“. Leider hat die wachsende Manie des bejammernswerten Helden Luciano (Aniello Arena) offenbar auch den Regisseur angesteckt: „Reality“ besteht aus einem einzigen konzeptionellen Impuls, und den trampelt er auf halber Strecke tot.

Dabei beginnt die Sache verheißungsvoll – mit einer verschwenderisch gefilmten, im Kitsch schwelgenden Luxushochzeit. Die Szene hat nur den Sinn, Enzo (Raffaele Ferrante) einzuführen, den Star des letzten „Grande fratello“-Teams, der inzwischen landesweit als Maskottchen gebucht wird. Um so wie Enzo zu werden, opfert Luciano seinen Fischladen, die Frau, Familie und Freunde, und irre lachend kommt er irgendwie ans Ziel. Nur dem Zuschauer ist unterdessen das Lachen vergangen, weniger aus Ergriffenheit angesichts der fraglos beißend gemeinten Sozialsatire denn aus Langeweile.

Schade eigentlich, denn das Kino braucht durchaus Metaphern dafür, wie wir an unserer guten alten Identität irre werden – gerade im Zeitalter der digitalen Avatare. Ganz in der Gegenwart spielt Cristian Mungius „Dupa dealuri“ (Jenseits der Hügel) und führt doch in eine archaische Welt. Schauplatz ist ein irgendwo in Rumänien gelegenes orthodoxes Kloster mit zwölf Nonnen, dem ein Priester vorsteht. Hierhin hat sich die junge Voichita (Cosmina Stratan) zurückgezogen. Sie ist im selben Waisenhaus aufgewachsen wie Alina (Cristina Flutur), die ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat. Nun will Alina die Freundin nach Deutschland holen und besucht sie im Kloster, die Zugtickets sind schon gebucht. Doch Voichita sträubt sich, auch gegen die Liebe und körperliche Nähe, die Alina wie früher bei ihr sucht. Voichita liebt Gott. Sagt sie jedenfalls.

Die wachsende Verzweiflung, mit der Alina um die Freundin wirbt und kämpft, der rasende – und zeitweise auch rasend machende – Stillstand der Ereignisse, der in dem sich selbst zur Milde verdammenden Blick Voichitas seinen flirrenden Ausdruck findet, bevor das Geschehen seinen furchtbaren Verlauf nimmt: Das gehört schon jetzt zu den starken Eindrücken dieses Festivals. Die unbeugsame Alina, zwischendurch im Krankenhaus mit Psychopharmaka ruhiggestellt, rebelliert mit allen Mitteln gegen die Klosterstrukturen, und irgendwann schleudert sie dem Priester (Valeriu Andriuta) entgegen: „Willst du mich ficken wie all deine Betschwestern hier?“

Die Ritualstrafe, die diesem Ausbruch folgt, verläuft nicht genreüblich spektakulär. Alina wird festgebunden; Nahrungsentzug und Winterkälte tun ihre Wirkung binnen Tagen ganz von selber. Voichita erwacht aus ihrer Nonnentrance erst, als die irdische Gerichtsbarkeit – Gott sei Dank! – an die Stelle der religiösen tritt. Auch in Mungius Cannes-Siegerfilm „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ (2007) steht zwei Freundinnen eine feindliche männliche Autorität entgegen. Anders aber als in der sozialistischen Endzeit des Abtreibungsdramas, wo eine Freundin der anderen bis zur Preisgabe ihrer sexuellen Unversehrtheit half, lässt hier die eine die andere im Stich. In Interviews verweist Mungiu, der mit dem Film einen realen Exorzismusfall aus jüngerer Zeit aufgriff, auf den massiv wachsenden Einfluss der orthodoxen Kirche in Rumänien. Von Wahnsystem zu Wahnsystem: Was für ein pessimistischer Befund, für seine Heimat wie für die Liebe.

Und dann schmuggelt sich doch noch ein pathetischer Liebesfilm zwischen alle Trostlosigkeit, „Laurence Anyways“ des 23-jährigen Frankokanadiers Xavier Dolan. Ein Mittdreißiger gesteht seiner Geliebten, dass er zu der Frau werden will, „als die ich geboren wurde“. Und statt auseinanderzugehen, halten beide, über heftige Stürme hinweg, zehn Jahre lang an ihrer Liebe fest. So was ist dann in diesem Cannes-Jahrgang schnell zum Heulen. Vor Glück natürlich.

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