Kultur : Gott und die Luftmatratze

Müde Revolutionäre, wohin man blickt: Christoph Marthaler inszeniert seine Version von „Dantons Tod“ in Zürich

Christina Tilmann

„Letzte Partie“ steht als schummerige Leuchtreklame über Anna Viebrocks wie immer heimelig-gammeliger Bahnhofswartehalle. „Letzte Partie“, als Danton und Julie, ein aneinander alt gewordenes Paar, sich vor der Abreise verabschieden. „Letzte Partie“, kurz darauf, beim Tete-à-Tete mit Marion. „Letzte Partie“ über Camille und Lucile. „Letzte Partie“ schließlich, als die gefangen gesetzten Revolutionäre im inzwischen völlig ausgeräumten Bühnenbild auf- und abtigern. Der rettende Zug aus diesem Bahnhof ist längst abgefahren. Letzte Partie.

Es ist ein Endspiel, das Christoph Marthaler, gegen Ende seiner Intendanz, im Züricher Schauspielhaus inszeniert. Kein Heimspiel, hier in Büchners Todesstadt, sondern ein Endspiel. Müde Revolutionäre, die schon längst keine Kraft mehr zur Revolte haben. Kein Wunder, dass der Protestsong „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ immer öfter in den Refrain zu „Hoch auf dem gelben Wagen... mündet: „Ich wär ja so gern noch geblieben/Aber der Karren, der rollt.“ Der Karren der Revolution allerdings rollt schon längst nicht mehr, noch nicht einmal mehr zur Guillotine. Er steckt schon viel zu tief im Dreck.

Über Georg Büchners Verhältnis zur Revolution ist viel diskutiert worden, darüber, ob er angesichts des „grässlichen Fatalismus der Geschichte“ (im Brief an seine Braut Minna Jaeglé) überhaupt noch Handlungsmöglichkeiten sieht. Bei Christoph Marthaler muss man nicht lange fragen. Längst sind seine Protagonisten in der Endlosschleife ewiger Wiederholung gefangen. Zukunft? Fortschritt? Zeit? Marthalers Uhren haben keine Zeiger, und die Buchstaben fallen, nicht nur in „Stunde Null“, von der Wand.

Dieses Auf-der-Stelle-Treten erweist sich im Fall von „Dantons Tod“ jedoch als verhängnisvolle Affinität: Die abgehalfterten Revolutionäre, in Jeans, Rolli und abgespeckter Lederjacke bringen noch nicht einmal sprachlich das Feuer auf, das ihnen der 21-jährige Dichter, bei aller Determiniertheit, in die Zeilen schrieb. Wie Mehltau hat sich lähmende Hoffnungslosigkeit auf sie gelegt. Mit dem Suada-Ton eines protestantischen Pfarrers nuschelt Josef Ostendorf Robespierres Reden ins Mikro, und auch Jean-Pierre Cornus Saint-Just ist keineswegs der kalte Bluthund der Geschichte. Matthias Matschkes Camille darf immerhin in einer Slapstick-Nummer seine Theater-Vergleiche austoben, Graham F. Valentine den Gottesbeweis beim Luftmatratzen-Aufpumpen absolvieren. Ansonsten: Graue Sachwalter, wohin man blickt. Und nicht die Spur eines Ideals.

Da wartet man sehnsüchtig auf jeden Auftritt von Robert Hunger-Bühler. Überhaupt, Danton und Robespierre, Hunger-Bühler und Ostendorf: auf den ersten Blick hätte man sie anders herum besetzt, den schmalen, scharfen Geist und den genussvollen Dicken. So läuft es immer mehr auf ein Solo für Danton heraus. Ostendorf ist nicht mehr als der beleidigte Schüler, der Sitzenbleiber, der höchstens einmal mit Mandarinen schmeißt: eine Randfigur. Hunger-Bühler jedoch ist, in dieser müden Runde, ein Ereignis. Scharf, präsent und sehr erotisch, mit der leisen, verhaltenen Erotik des Berufszynikers. Ein Mephisto mit Sinn für Sentimentalität. Einer, der in der Szene mit der Prostituierten Marion (Bettina Stucky) nur schweigend zuzuschauen braucht, und schon erzählt sie alles. Einer, der leise zur Seite spricht, und die Zuschauer sind plötzlich mäuschenstill. Der sich in seine geschliffenen Sentenzen wie in ein Glasperlenspiel verliert. Und irgendwann, allem überdrüssig, sich die Kleider vom Leibe reißt und die Welt gleich mit dazu. Dantons Müdigkeit ist die Unbeweglichkeit des Bewegers, um den von Payne diskutierten Gottesbeweis aufzugreifen. In dem Moment, in dem dieser Danton, leider viel zu früh, den Mut verliert, ist auch das Drama tot und der Abend vorbei.

Etwas Schwung bringen, wie üblich, nur noch die Frauen ins Spiel: Wenn sie, als Rausschmeißer vor der Pause, zur Marseillaise lebende Bilder stellen oder, in Julies und Luciles Abschiedsszenen, auf dem Recht der privaten Liebe gegenüber dem kalten Parteiprogramm bestehen. Vor allem Judith Engels Lucile ist hell und hart, halb Uma Thurman, halb Gudrun Ensslin, und darf in der Abschiedsszene mit Camille (Matthias Matschke), mit einem letzten, langen Kuss und einem verlängerten, vertanen Abschied, zumindest einmal die Herzen rühren. Das „Es lebe der König“ zum Schluss verweigert Marthaler ihr, und lässt sie dafür fast von der Jalousie guillotinieren. Und Jürg Kienberger, virtuos wie eh und je, spielt dazu auf einer Handvoll Rasierklingen zum letzten Mal die Marseillaise. Es ist das Lied des Sensenmanns.

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