Kultur : Gott und Satan im Kampf

ANDREA JULIETTE GROTE

Ein Sack Mehl war das Buch wert - ein sehr hoher Preis für die Zeit nach dem Krieg.Der Landpfarrer, der nicht nach Eßbarem, sondern nach geistiger Nahrung suchte, fand in dem Buch "Das unauslöschliche Siegel" eine Welt, die den immerwährenden Kampf zwischen Satan und Gott zum Ausdruck bringt.Elisabeth Langgässer tauschte das Buch gegen den mehlgefüllten Sack, der genausoviel wog wie der Geistliche.

Dieser Roman, den die als Halbjüdin geborene Elisabeth Langgässer trotz des Schreibverbots während der Kriegsjahre fertigstellte, interessierte die literarische Öffentlichkeit, kaum war der Krieg für beendet erklärt.Die Frau, die unter der Krankheit Multiple Sklerose litt, mußte ihre drei Kinder und ihren Mann, den Philosophen und Theologen Wilhelm Hoffmann, nach dem Krieg mitversorgen.Sie zog aus ihrer Schublade ein Buch, das wie kaum ein anderes im Nachkriegsdeutschland gelesen wurde - auch wenn es umstritten war.Für ihren Roman und ihr Gesamtwerk verlieh man ihr posthum den Georg-Büchner-Preis.

Langgässer hielt bis zu ihrem Tod 1950 viele Vorträge und traf Literaten und Philosophen wie Anna Seghers oder Jean-Paul Sartre.Auf die oft gestellten Fragen nach der "inneren Emigration" und der Haltung der in Deutschland gebliebenen Schriftsteller zu den Schandtaten der Nationalsozialisten antwortete sie mit der ihr eigenen Grundeinstellung, die ihre Bücher und Erzählungen durchzieht: Sie glaube daran, daß Gott die Geschichte lenkt, daß aber der Mensch im Kampf zwischen Gut und Böse immer dem Bösen zuneigt.Immer wieder mußte sie sich in literarischen Diskussionen für diese Überzeugung rechtfertigen.

Während die Nationalsozialisten das Land beherrschten, entwickelte sie kaum politische Wachsamkeit oder unterstützte Aktionen im Untergrund.Vielmehr versuchte sie in ihren Büchern Antworten auf existentielle Fragen zu finden, die das Wesen des Menschen, sein tieferes Sein, beschreiben sollen.Diese theologisch aufgeladene Weltsicht, ihr Ringen um eine poetische Sprache, verhindert den klaren Blick auf die politischen Verhältnisse der vierziger Jahre.

Die Literatur und das Leben Elisabeth Langgässers ist nicht ohne die Geschichte ihrer unehelich geborenen Tochter Cordelia zu sehen.Das Mädchen stammt aus Langgässers erster Beziehung zu dem verheirateten jüdischen Rechtsgelehrten Hermann Heller.Die am 1.Januar 1929 Geborene wird infolge der Rassengesetze der Nationalsozialisten als "Dreivierteljüdin" bezeichnet.Doch ihre Mutter, die 1935 in Berlin den "Arier" Wilhelm Hoffmann heiratet und Cordelia nicht die Wahrheit über ihren Vater erzählt, verdrängt die Bedrohung.Der Versuch 1943, die Tochter von einem spanischen Ehepaar adoptieren zu lassen, scheitert.

Im gleichen Jahr werden Tochter und Mutter bei der Gestapo vorgeladen und vor eine konsequenzenreiche Alternative gestellt: Entweder gibt Cordelia die spanische Staatsangehörigkeit auf oder ihre Mutter wird wegen Hoch- und Landesverrat verurteilt.Cordelia gibt ihren ausländischen Paß her - damit greifen die Rassengesetze der Nationalsozialisten.Das vierzehnjährige Mädchen wird 1944 erst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz deportiert.

Die Diskussion um Cordelias Opfer und um die Entscheidung ihrer Mutter - aus Selbstschutz oder aus Notwendigkeit, die drei Kinder zu versorgen - reißt bis heute nicht ab.Die mit einem "Arier" verheiratete Mutter überstand den Krieg in Berlin-Eichkamp.Cordelia, die Auschwitz überlebte und heute als Journalistin in Israel lebt, verarbeitete ihre Erlebnisse in dem Buch "Gebranntes Kind sucht das Feuer", 1986 ausgezeichnet mit dem Geschwister-Scholl-Preis.

Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel.Roman.Claassen Verlag, Hamburg und Düsseldorf 1986.640 S., 48 Mark.

Frederik Hetmann: Schlafe, meine Rose.Biographie.Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1999.213 S., 32 Mark.

Cordelia Edvardson: Gebranntes Kind sucht das Feuer.Roman.dtv, München 1998.130 S., 12,90 Mark.

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