Kultur : Gottes Dienst

Sister Coritas Pop-Art in der Galerie Circleculture

Christiane Meixner

Am Ende wurde es der Kirche doch zu bunt. Wie Sister Corita im schwarzen Habit die Farben anrührte, um dann auf poppigen Plakaten gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Dass sie ihre Studentinnen T-Shirts bedrucken ließ, auf denen groß „Jesus liebt dich“ stand. Und wie unmissverständlich sie Respekt für jede Kreatur einforderte. Was prinzipiell auch der katholische Glaube lehrt: Aber bitte nicht so laut und lustig, wie es die Nonne in den sechziger Jahren öffentlich in Los Angeles tat. Irgendwann war der Druck der Geistlichkeit zu stark, und Schwester Corita zog die Konsequenzen: 1968 widerrief Frances Elizabeth Kent mit 50 Jahren ihr Gelübte.

Doch die kurze, intensive Zeit, die diese eigenwillige Frau am California Immaculate Heart College für den Kunstunterricht zuständig war, hat sie zur Legende gemacht. Zeitgenossen wie Ray und Charles Eames oder Ed Ruscha waren hingerissen – von Sister Coritas Siebdrucken, auf denen sich abstrakte Muster und Typografie umarmten und zur bedingungslosen Liebe aufriefen. Und ebenso von ihren Happenings, die gern als Vorträge begannen. Bis die Zuhörer dann bunte Wundertüten aufreißen mussten, in denen sie neben anderen, selbst gemachten Dingen auch kleine Papierhüte zum gegenseitigen Aufsetzen fanden. Eine Herausforderung für das steife Publikum, das kichernd Kontakt aufnahm und langsam auftaute. In solchen Momenten legte die Nonne verbal noch einmal nach – schließlich ging es nicht ums Amusement, sondern um eine Sensibilisierung ihrer Zuhörer für soziales Unrecht und andere politische Themen.

Durch die Galerie Circleculture weht noch ein leises Echo dieser anarchischen Energie. Wie immer, wenn die Kunst mit ihrem Akteur untrennbar verbunden ist und die Arbeiten als Vehikel einer alles durchdringenden Botschaft dienen. Vom Multitasking jener Künstlerin, Dozentin und Aktivistin erzählt ein Film, der immerhin etwas von ihrer Vehemenz vermittelt. Und dann sind da jene Siebdrucke, die der amerikanische Kurator Aaron Rose aus der Sammlung des Corita Art Center mitgebracht hat: Dokumente einer frühen, vitalen Pop-Art, die sonst mit New York und hier vor allem mit Andy Warhol in Verbindung gebracht wird. Dabei schuf Sister Corita ihre plakativen, ästhetisch überzeugenden Blätter in Kalifornien sogar früher. Nur war sie sperriger und weniger marktkonform als der smarte Künstler und wollte ihre Drucke lieber in Pfarrsälen statt Galerien sehen – ein Grund für die späten Ehren, die ihr nun erst in Europa zuteil werden.

Die Blätter aus der Werkstatt der Kunstschwester kosten zwischen 800 und 2 500 Euro und liegen damit schon etwas höher als bei Wolfgang Tillmans, der sie in London 2006 privat ausstellte. Der Fotograf ist auch ein Fan. Was allerdings nicht weiter verwundert, weil man sich Coritas farb- und wortgewaltigen Provokationen schwer entziehen kann. Christiane Meixner

Circleculture Galerie, Gipsstraße 11, bis in den Mai; Montag bis Samstag 13-18 Uhr.

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