Kultur : Gottes Lob und Johnny Walker

Oliver Heilwagen

"Bitte keinen Pfeffer oder Essig!" Diese Zutaten würden der Stimme von Monajat Yulchieva schaden, erläutert ihr musikalischer Mentor Shawqat Mirzaev, der sie bei Konzerten auf der Langhalslaute Rubab begleitet. Ansonsten legt die "Diva Usbekistans" bei der Auswahl ihres Essens keine Star-Allüren an den Tag. Wenn es kein Hammelfleisch gibt, darf es auch Rind sein. Ist kein gebratener Fisch vorrätig, nimmt sie auch mit Gekochtem vorlieb.

Nur in Sachen Sättigungsbeilage sind Usbeken wählerisch: Aus der Hauptstadt Taschkent, acht Flugstunden von Berlin entfernt, hat Yulchievas sechsköpfiges Ensemble eigens zwei Kilo heimischen Reis mitgebracht, um das Nationalgericht "Plow" - eine Art Risotto - zuzubereiten. Vor dem gemeinsamen Mahl schenkt Mirzaev usbekischen Wodka ein, den er zuvor in Taschenflaschen der Whiskey-Marke "Johnny Walker" aus Plastik umgefüllt hat. "Damit er während der Reise nicht ausläuft", erklärt er lachend. Die Diva schmunzelt nachsichtig über diese kleine Schwäche ihres Lehrers und Partners: Sie trinkt und raucht nie.

Monajat Yulchieva, die mit ihrem Konzert im Haus der Kulturen der Welt die Reihe "Crossroads of Asia" mit Musik aus Zentralasien eröffnet, lebt ganz für ihre Kunst. Die 41-Jährige wuchs auf einer Baumwoll-Kolchose nahe der ostusbekischen Stadt Andischan im Fergana-Tal auf. Sie sang schon als Kind jedes Lied mit, das sie im Radio hörte. Ihr Talent wurde in der Schule entdeckt: Bei einem Sängerwettstreit erhielt sie den ersten Preis.

In die Gesangsklasse des Konservatoriums von Taschkent wurde sie aber zunächst nicht aufgenommen. Die Prüfer befanden, sie treffe die Melodie nicht. Nur Shawqat Mirzaev, Komponist und Abkömmling einer alten usbekischen Musiker-Dynastie, wurde auf sie aufmerksam und schulte ihre Stimme. Mit überragendem Erfolg: Ihr erster Auftritt im Fernsehen Ende der 70er Jahre machte sie im ganzen Land berühmt. Nun durfte sie in die Abteilung "Traditionelle Musik" des Konservatoriums eintreten und wurde später dort auch Lehrerin. Seither setzt Yulchieva selbst die Maßstäbe: 1997 gewann sie beim ersten internationalen Musikfestival von Samarkand den "Grand Prix".

Mittlerweile ist die Förderung und Pflege des lokalen Kulturerbes offizielle Politik in dem jungen Nationalstaat, der 1991 aus der Sowjetunion hervorging. Unter kommunistischer Herrschaft war das anders. "Lieder, in denen Worte wie Gott oder Herr vorkamen, durften nicht öffentlich vorgetragen werden", erzählt die Sängerin. Das betraf beinahe ihr gesamtes Repertoire: Vertonungen von Versen klassischer Dichter aus dem 15. bis 19. Jahrhundert. Die von der islamischen Mystik des Sufi-Ordens inspirierten Zeilen handeln fast ausschließlich von der Sehnsucht nach und der Liebe zu Allah.

Der religiöse Inhalt ist das einigende Band der Kunstmusik Mittelasiens, die sehr verschiedene regionale Formen hervorgebracht hat. Eine Folge der Geographie: In dieser riesigen, dünn besiedelten Steppenlandschaft, deren Bewohner im Mittelalter zum Islam bekehrt wurden, bildeten die weit von einander entfernten Metropolen wie Buchara, Samarkand und Chokand ihre eigenen Stile aus. Komplexe, anspruchsvolle Kompositionen wurden nur am Hof des jeweiligen Emirs gespielt. Man arrangierte sie im Lauf der Zeit zu Liederzyklen, so genannten "Makams", die mehr als hundert Stücke umfassen können. Aus diesem kanonischen Fundus schöpft Yulchieva ebenso wie aus der traditionellen Volksmusik ihrer Heimat.

Ihre Originalität liegt also nicht in der Auswahl des Liedguts, sondern im Raffinement ihrer Interpretation. Die sparsam instrumentierten, getragenen Weisen werden von ihr mit einer Hingabe intoniert, die ihresgleichen sucht. Dabei ist ihre Vokaltechnik, obwohl perfekt ausgebildet und reich an Modulation, frei von Effekthascherei. Statt dessen beeindruckt das dunkle, warme Timbre ihrer Stimme mit verhaltenem Pathos. "Ich versuche, mit meinem Herzen zu singen. Nicht mit meiner Stimme, sondern mit der Pein meiner Seele", sagt Yulchieva.

Westliche Zuhörer erinnern diese Melodien entfernt an die Qawwali-Musik im benachbarten Pakistan, die der vor wenigen Jahren verstorbene Nusrat Ali Fateh Khan weltweit bekannt gemacht hat. Im Gegensatz zu Qawwali wird jedoch im usbekischen Kunstlied nicht improvisiert. Privat hört Yulchieva am liebsten italienische Opern, klassische Sinfonien und die spanische Sopranistin Montserrat Caballé - aber auch Whitney Houston. Für die übrige Popmusik des Westens hat sie wenig übrig. "Michael Jackson sollte man nur sehen, nicht hören", scherzt Begleiter Mirzaev.

In Berlin war das Ensemble zuletzt 1991 zu erleben: Bei einer Hörprobe am Institut für Turkologie der FU. Die Konzertreihe im Rahmen des Festivals "Abseits der Seidenstraße" ist daher eine einmalige Gelegenheit, die hier zu Lande nahezu unbekannte Kunstmusik Zentralasiens kennen zu lernen.

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