Kultur : Gottes tüchtigster Ketzer

José Saramago holt in „Kain“ ein letztes Mal zur großen Blasphemie aus

Marianna Lieder

Weil ich dich nicht töten konnte, habe ich Abel getötet.“ Rebellisch tritt der Titelheld in José Saramagos Roman „Kain“ vor den Herrn, der ihn für den Brudermord zur Rechenschaft ziehen will. Der Streit zwischen Geschöpf und Schöpfer endet vorerst im Arrangement: Gott bekennt sich zu seiner Teilschuld an Abels Tod, weil er aus einer Laune heraus Zwietracht unter die Brüder gebracht hat, als er das Ernteopfer des einen annahm, das des anderen verschmähte. Kain bewahrt Stillschweigen über dieses Eingeständnis, darf dafür am Leben bleiben, sogar auf ewig, nur muss er fortan mit dem verräterischen Mal auf der Stirn rastlos auf Erden umherwandern.

Mit diesem Kompromiss hat sich die göttliche Güte auch schon erschöpft. Auf seiner Exilreise gelangt Kain zu den prominentesten Schauplätzen des Alten Testaments, nach Sodom und Gomorrha, an den Felsen, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak fast geopfert hätte, in das Haus des duldsamen Hiob – und immer war der Herr schon da, um zu manipulieren, eifersüchtig und grausam zu strafen oder sonst wie Unheil über die Menschen zu bringen. Bei seiner unfrommen Nacherzählung des heiligen Stoffs nimmt sich Saramago blasphemisch viel dichterische Freiheit, doch richtig ketzerisch wird es erst durch die Stimme des namenlosen Beobachters, eines barocken Schelmenkommentators, der den Herrn mit sarkastischen Schmähungen überhäuft.

Letzten Sommer starb der portugiesische Nobelpreisträger im biblischen Alter von 88 Jahren. Als „Kain“ 2009 auf der iberischen Halbinsel erschien, war der leidenschaftliche Atheist bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, bewies dennoch ausreichend Widerstandskraft, um sich von den Straßenprotesten und hitzigen Debatten, die er in der katholischen Öffentlichkeit losgetreten hatte, nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Die Anzahl derer, die unter zornigem Rosenkranzgemurmel gegen Saramagos Bibel-Potpourri demonstrieren, wird hierzulande deutlich überschaubarer ausfallen. Allerdings findet auch der ungläubige Leser noch genügend Anlass zur Missbilligung.

Saramagos lebenslange Lust an der Provokation ist in seinem letzten Roman zum Selbstzweck verkommen. Mit solch unbedarfter Verve wird hier die Theodizeefrage reformuliert, als sei sie eben erst erfunden worden. Als wäre er der erste, der Sex, Gewalt und Inzest im Pentateuch entdeckt, kapriziert sich Saramago auf die deftigen Schrift-Passagen um Moses, Lot und Noah. Dass die Arche des Letzteren nach dem aktuellen Stand der Naturwissenschaft als Ding der Unmöglichkeit angesehen werden muss, mag sicher zutreffen: Als Geheimwaffe gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel ist dieses Argument auch schon etwas angestaubt.

Zweifellos erliegt man schnell der Versuchung, den Kampfgeist Saramagos zu unterschätzen. Als ungeliebter Prophet im eigenen Land ging er mit den irdischen Unfehlbarkeitsansprüchen des Salazar-Regimes ebenso wenig zimperlich ins Gericht wie mit den überirdischen der monotheistischen Religionen. Wenn er Gott lästerte, verstand er dies als Dienst am Menschen, als notwendige Aufklärungsarbeit, die bisweilen unsubtil daherkam, dafür jedoch in der Regel frei blieb von utopischer Schwärmerei. Unter anderem hat Saramago seinem transparenten Humanismus Ausdruck verliehen, als er vor Jahren die Bibel schon einmal umschrieb, 1992 erschien seine Neue-Testament-Parodie „Das Evangelium nach Jesus Christus“.

In seinem nun postum veröffentlichten Bibelroman jedoch ist der Provokateur vom Glauben an die Menschheit abgefallen und hat die Leerstelle mit nihilistischem Gepolter gefüllt. So wird Kain im Schlusskapitel auf die Arche Noah geschickt, wo er gemeinsam mit den dort versammelten Frauen dafür sorgen soll, dass die Gattung erhalten bleibt beziehungsweise reformiert wird. Stattdessen entwickelt er sich vom Bruder- zum Massenmörder. Nur die Tiere sind noch am Leben, als der Übeltäter nach Rückgang der Sintflut wieder Land betritt. „Und was ist nun mit meiner neuen Menschheit?“, empfängt ihn wütend der Herr. „Es hat bereits eine existiert, eine andere wird es nicht geben, und niemand wird diese vermissen“, antwortet das letzte Exemplar der verfehlten Schöpfung.

José Saramago: Kain. Roman. Aus

dem Portugiesischen von Karin von

Schweder-Schreiner.

Hoffmann & Campe, Hamburg 2011.

174 Seiten, 19,90 €.

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