Kultur : Gottes Werk und Hirschfelds Beitrag

Zum Tode des amerikanischen Karikaturisten Al Hirschfeld

Christian Kässer

Können Karikaturisten Menschenfreunde sein? Bringt es der humoristische Ehrgeiz nicht vielmehr mit sich, dass der Zeichner das Hässliche, die zu krumme Nase, die zu großen Zähne fixiert, weil letztlich nur das Abnorme als komisch gilt? Al Hirschfeld ist anderer Meinung. 1984 erklärte er in einem Interview: „Ich liebe Menschen.“ Er zeichne sie in Bussen und U-Bahnen, „mit kleinen Bleistiftstummeln aus meiner Rocktasche heraus“.

Es besteht kein Zweifel, dass er der größte amerikanische Karikaturist des 20. Jahrhunderts war, ein Mann, der seit den Zwanzigerjahren, stets auf einem alten Barbiersessel sitzend, Amerika so exakt porträtierte, dass sogar die US Army seine Cartoons benutzt, um ihre Luftbildauswerter im raschen Erkennen auch der kleinsten Details zu schulen.

Am 21. Juni 1903 wurde er in St. Louis geboren, und nicht viel später begann er zu zeichnen: „Als ich einen Bleistift in der Hand halten konnte.“ Ähnlich frühreif muten die nächsten Stationen seiner Karriere an. 1915 kam die Familie mit nur fünf Dollar in der Haushaltskasse in New York an, aber bereits sechs Jahre später avancierte der Siebzehnjährige zum künstlerischen Direktor von Selznick Pictures, und 1928 legte eine Zeichnung von Sacha Guitry den Grundstein für eine mehr als siebzig Jahre andauernde Zusammenarbeit mit der „New York Times“.

Früh auch entwickelte er seinen eigenen Strich. Zwar behauptete er, dass erst eine Reise nach Bali – wo das intensive Sonnenlicht alle Farben bleiche und die Menschen zu „wandelnden Strichzeichnungen“ reduziere – ihn zu seinem fortan charakteristischen, auf die Prägnanz der Linie fokussierten Zeichenstil anregte. Aber schon in den frühesten Zeichnungen findet sich der Typus des mit wenigen Linien präzise umrissenen Charakterporträts, das in höchster Konzentration Wesentliches herausarbeitet.

Maliziös-bissig ist der Philanthrop dabei nie geworden. Freilich, Barbra Streisand musste es sich gefallen lassen, als Vogel dargestellt zu werden, Phil Silvers wurde zu Brille und Stirn reduziert, und Alan Budd, Erfinder der CBS-Serie „Candid Camera“, war sicher nicht glücklich darüber, wie ein Affe auszuschauen. Aber um Satire ging es Hirschfeld nie. Vielmehr hat er immer das Charakteristische der Persönlichkeit aus einem Detail herausgefiltert – und so antwortete er auch Alan Budd, als dieser sich beschwerte: „Das war Gottes Werk.“

Die amerikanischen Stars des 20. Jahrhunderts – er hat sie alle gezeichnet. Und die meisten, ob Charlie Chaplin, Greta Garbo, Marlene Dietrich oder Woody Allen, sind nicht nur von ihm porträtiert worden, sondern waren ihm freundschaftlich verbunden. Er heiratete die deutsche UFA-Größe Dolly Haas, die 1936 in die USA emigriert war, und verewigte den Namenszug der gemeinsamen Tochter Nina unendliche Male in seinen Zeichnungen.

Aber seine Welt waren nicht nur die Shows des Broadway, die er fast allabendlich besuchte. Sein eigentliches Thema war die Stadt, war New York City, immer wandelbar, nie sich gleich, ewige Quelle der Inspiration, der er bis an sein Lebensende zeichnerische Liebeserklärungen machte: Noch letzten Samstag zeichnete er die Marx Brothers. Am Montag ist Al Hirschfeld, fünf Monate vor seinem hundertsten Geburtstag, in New York gestorben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar