Kultur : Gotteslästerung und andere Künste

KERSTIN DECKER

Man sollte die Dinge vorher ganz genau prüfen.Das Leben zum Beispiel.Einen der unvollkommensten Verbrauchsartikel überhaupt.Ohne Reklamations- oder Umtauschrecht.Und mit rigide geregeltem Rückgabeanspruch.Ein griechischer Warenrechtler, den man zu den Vorsokratikern rechnet, bemerkte das schon vor fast 3000 Jahren: "Das Leben ist in erstaunlichem Maße voller Mängel." Daran hat sich bis heute fast nichts geändert, was auch ein Grund ist, weshalb die Philosophie in der Zwischenzeit keine rechten Fortschritte gemacht hat und es unter den Philosophen immer weniger Weise gibt.

Dafür haben wir Woody Allen.Ein Berufskritiker des Lebens wie alle Autoren.Und schon verstehen wir viel besser, warum ein Woody-Allen-Film fast nie von der Verteidigung der Vereinigten Staaten oder von Ausserirdischen handelt und auch nur ausnahmsweise von südamerikanischen Diktatoren ("Bananas").Wirklich interessant für einen Woody-Allen-Film sind eigentlich nur die Berufskritiker.Das ist auch in "Celebrity" so.Die einzigen, die dem Leben offen ins Gesicht sagen, was sie von ihm halten, selbst auf das Risiko hin, den Kürzeren zu ziehen.Die Berufskritiker unterteilen sich noch einmal in zwei signifikante Gruppen: die Erfolgreichen und die Erfolglosen.Wirklich interessant sind wiederum nur die letzteren.Also einer wie Lee Simon jetzt in "Celebrity", oder Harry beim letzten Mal, oder all die anderen vorher.

Sie spüren schon: "Celebrity" ist nicht eigentlich neu.Ja, in der Wiederholung liegt sogar eine gewisse Eintönigkeit.So sind sie nun mal, die Weisen.Sie sagen nicht eigentlich neue Dinge - der Weise ist in gewissem Sinne der Gegenpol zur Nachricht - sie sagen das Unabänderliche immer wieder neu.

Man muß sich das vorstellen wie bei den Edelsteinen.Man verlangt von einem Saphir ja auch nicht, daß er plötzlich rot sein soll, nur weil das mal was anderes wäre.Wirkliche Individualität ist das Unverwechselbare im Immergleichen.Dazu bedarf es natürlich einer gewissen Massenhaftigkeit des Vorkommens.Woody Allen gibt es einmal im Jahr.Woraus folgt, daß, solange wir den jährlichen Woody-Allen-Film haben, uns nicht wirklich etwas geschehen kann.

"Celebrity" handelt wie fast alle Woody-Allen-Filme von den vier Grundgesetzen des Lebens, die jeder kennt: 1.Erfolg haben die Erfolgreichen.Phänomen der "Celebrity", der Berühmtheit.2.Reich werden die Wohlhabenden.3.Preise bekommen die Preisträger.4.Und richtig guten Sex haben eigentlich auch nur die drei erstgenannten Gruppen.Nachsatz: Das Altern ist eines denkenden Lebewesens ganz und gar unwürdig.

Allens Filme unterscheiden sich nun durch die Art der Verifizierung dieser vier Thesen sowie des Nachsatzes.Und hier kommt das Besondere: die Kunst.Kunst ist das, was keiner sofort nachmachen kann.Eben die Edelsteinthese: Trotz der überwältigenden Gleichheit seines Themas ist jeder Film ein ganz und gar unverwechselbarer Mikrokosmos.Und das liegt an der Feinheit der Komposition.Am Takt der Frechheit.An der Präzision der Überschreitung.Anzüglichkeit, Respektlosigkeit, Gotteslästerung und andere Übertretungen sind ja nichts für grobe Geister, vielmehr eine Sache unerhörten Feingefühls.Woody Allen beherrscht sie alle.

Man erkennt das besonders deutlich am durch Allen zu einer gewissen Vollendung gebrachten Genre der Gotteslästerung.Aber gehen wir mal der Reihe nach vor.Da wäre also jener Lee Simon, seines Zeichens glückloser Autor und Journalist, so eine Art integrierter Gesamtverlierer.Auf der vorerst letzten Stufe seiner Karriere ist er Sensations- und Klatschreporter für ein Reisemagazin, immer in der Nähe der Celebrities.Im Gegensatz zu den erfolgreichen Menschen haben die erfolglosen viel öfter das Gefühl, ihr Leben von Grund auf ändern zu sollen.Simon auch.Er verläßt seine Frau (Judy Davis).Er hat eigentlich keinen Grund dazu.Nur eben jenes Gefühl.Bald wird er als Rentner zum halben Preis ins Kino gehen, und davor, sagt er zu ihr in aufrichtiger Verzweiflung, sollte einfach noch was kommen.Also nicht schon wieder sie.Simon will demnach mit Punkt vier anfangen, vielleicht erfüllen sich, denkt er, die ersten drei dann von ganz allein.

Kenneth Branagh ist Lee Simon, diese klassische Woody-Allen-Figur.Meist war ein Woody-Allen-Film ohne Woody Allen nur ein halber Woody-Allen-Film.Obwohl so wunderbare Stücke darunter waren wie "Bullets over Broadway".Aber hier stört das gar nicht.Branagh ist ein wunderbares Medium.Der Urheber scheint beinahe noch präsentischer durch ihn hindurch als wenn er selbst dabei wäre.Branagh schafft also nicht nur Shakespeare, sogar Allen! Und diese gewisse angeborene Branaghsche Eitelkeit macht sich unglaublich gut in der Rolle.Das hat sowas Veristisches.

Allen war wohl der erste, der damit anfing, jeden mit sich selbst zu besetzen.Also spielt Melanie Griffith, die der "Spiegel" gerade "Hollywood-Barbie" nannte, eine Hollywood-Barbie, und Leonardo DiCaprio ist Leonardo DiCaprio.Allen holte ihn sich für seinen Film, noch bevor das mit der "Titanic" passierte.Es geht ja um eben jenes Phänomen der "Celebrity".Oder wie Woody Allen sagt: Heute kann in Amerika schon berühmt werden, wer einmal oralen Sex mit dem Präsidenten hatte.Aber weil sich das so schwer filmen ließ, muß Simon-Branagh nun durch die Glamour-Welt New Yorks.Ein Zuschauer, der so gern dabei wäre.Wenn Brandon-DiCaprio doch nur mal sein neues Drehbuch lesen könnte! Nur ein paar Sätze zwischendurch? Wegen dieser schrecklich ungewissen drei Sätze fliegt Simon, der Flugneurotiker, mit dem dynamischen Jungstar nach Atlantic City.Und dann im Hotelzimmer, beim Simultansex zu viert - jetzt aufgeben, wo man schon soviel investiert hat? - ergibt sich beinahe eine Gelegenheit.Beinahe.- Ein virtuos in Szene gesetzter Reigen der Demütigungen.Ein Kreis der Einsamkeit, wie von unsichtbarer Hand um den Klatschreporter gezogen.

Und Robin, seine Frau? Robin, das Nervenbündel mit der katholischen Erziehung, beginnt plötzlich Glück zu haben.Ganz von selbst, wie das manchmal geschieht.Managt im Hintergrund die "Mafia-Show" mit der Genovese-Family, jungen Nazis und Professoren.In diesen Backstage-Szenen und dem fassungslosen Satz eines älteren Juden angesichts seines leeren Chips-Tellers: "Haben die Neonazis wieder alles aufgefressen!", faßt sich unsere gesamte moderne Existenz zusammen.Wer ist unwirklicher, die Wirklichkeit oder wir selbst? Auch so eine immer wiederkehrende Allen-Frage.

Natürlich muß, wer einen wirklich zeitgenössischen Film machen will, die sexuelle Praktik des Oralverkehrs berücksichtigen.Was im letzten Woody Allen-Film die "Out-of-Focus"-Sequenzen waren, ist hier vielleicht die Oral-Sex-Szene.Eine dramaturgische sowie schauspielerische Herausforderung für zwei Frauen und eine Banane.

"Celebrity" ist übrigens ganz in Schwarz-weiß.Einmal wird Simon mitgenommen in eine Vorführung des "neuen John-Papadakis-Films".Wer ist Papadakis?, fragt Simon, der nicht merkt, daß alles ein bißchen aussieht wie bei Angeloupolous.Papadakis, sagt man ihm, sei "eines jener Arschlöcher, die immer in Schwarzweiß drehen!"

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