Kultur : "Gotteszell": Flucht in den Knast

S. H.

Wie bei einem Gehöft liegen die einzelnen Gebäude um einen Hof gruppiert, über den eine Gruppe von Frauen kichernd und albernd hinwegzieht. In der Ferne Hundegebell und Eisenbahnrattern. Ein fast beschaulicher Ort. Was stört diese Idylle? Die Mauern drumherum am wenigsten - in "Gotteszell", dem einzigen reinen Frauengefängnis Baden-Württembergs. Verstörend sind die Geschichten der Frauen, die es hierher verschlug. Die deutsche Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister ("Von wegen Schicksal", "Mit starrem Blick aufs Geld") gilt als unerschrockene Filmemacherin. Trotzdem hatte sie erstmal Angst, als das Justizministerium ihr anbot, in "Gotteszell" zu drehen. Angst vor der eigenen Courage, auch vor der Konfrontation mit Frauen, die ihr Bild von der mütterlichen Frau als besserem Menschen zu stören drohten. Eine Angst, die es zu überwinden galt.

Sieben Monate, mit Pausen, hat Helga Reidemeister mit ihrem Team (Kamera: Sophie Maintigneux) in Gotteszell gedreht. Sechs der Insassinnen hat sie für nähere Porträts ausgewählt: Mörderinnen, Totschlägerinnen, Dealerinnen. Die Lebenserfahrungen dieser Frauen sind von Gewalt bestimmt. Gewalt, die ihnen erst einmal angetan wurde, von der Familie, von der Justiz. Marion etwa, seit dem sechsten Lebensjahr vom Vater missbraucht, schlug eines Tages einen Mann zusammen, der sie auf dem Heimweg belästigte. Der Mann war tot. Marion bekam neun Jahre, weil sie vorbestraft war. Oder die Malergesellin Nicole, die eines Tages das Elternhaus anzündete, in dem man sie jahrelang gequält hatte. Viereinhalb Jahre für versuchten Mord.

Doch der Film versteht sich nicht als eine Sammlung von Opfergeschichten, auch wenn die Zahlen für sich sprechen (jeder zweiten Frau, die einsitzt, wurde vorher Gewalt angetan; drei von vier missbrauchten Frauen greifen irgendwann selbst zur Gewalt). "Gotteszell" geht viel weiter als solche Statistiken. Aufregend die Klarheit, mit der die Frauen ihre Situation reflektieren und bereit sind, die Verantwortung für ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Und die wohl ernüchterndste Erkenntnis: Das Gefängnis ist für viele Frauen der erste Ort, wo sie die Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit finden, um zu sich selbst zu kommen. Faszinierend auch, dass es im Innenraum Gefängnis - trotz aller materiellen Differenzen - fast ein intimes Einverständnis zwischen Insassinnen und Aufseherinnen zu geben scheint. An eine real existierende gesellschaftliche Gerechtigkeit scheint hier niemand mehr zu glauben. Indirekt kommentiert dieser Film auch die Frauenbilder, die sonst den Medienalltag bestimmen. Können wir uns in Petra, Babs, Nicole und Marion nicht viel eher wiederfinden als in vielen Bildern, die täglich von der Leinwand grüßen?

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