Kultur : Gotthelf - apokalyptisch

ALFRED SCHLIENGER

Das eindrücklichste Bild kommt ganz zum Schluß.Eben ist ein immenser Aschenregen auf das Bauernvolk niedergegangen, alles rennt, wankt, reckt verzweifelt die Arme zum Himmel, aber da hilft kein Gott mehr; quer durch den Staub rufen immer wieder Vereinzelte nach ihren Nächsten, mit letzter Kraft hechtet ein Grüppchen hin, fängt den Fallenden jeweils kurz vor dem Boden noch auf - bis niemand mehr da ist, der einen halten kann.Das Ende als Apokalypse.

Bei Jeremias Gotthelf und seiner "Schwarzen Spinne" aus dem Jahre 1842 war das noch ganz anders.So linear wie beim Emmentaler Dorfpfarrer die Sünde ins individuelle und gesellschaftliche Verderben führt, so direkt weisen dort christliche Opferhaltung und rechter Glaube wieder den Weg zurück zu gottgefälligem Glück und Wohlstand.Diese holzschnittartige Moral konnte es ja nicht gewesen sein, die das kleine und agile Zürcher Neumarkttheater zu seiner bisher gigantischsten und teuersten Produktion verführt hat.Was dann?

Nach dem Großerfolg von "Top Dogs" - das Stück über arbeitslose Manager steht inzwischen auf den Spielplänen von 37 deutschsprachigen und 16 fremdsprachigen Theatern - war klar, daß das Winner-Team von Autor Urs Widmer und Regisseur Volker Hesse ein neues gemeinsames Projekt starten wollte.Aber etwas ganz anderes sollte es sein.Also weg von der topaktuellen Börsenfront und zurück zum Teufelspakt der Sumiswalder Bauern im Jahre 1000, weg vom Horror heutiger Ökonomie und hin zu den Schrecken von Pest und Aberglauben im Mittelalter.Oder täuschen die Distanzen? Bestechend jedenfalls auch Hesses Konzept, die Vorlage durch die derzeit populärste Rockband der Schweiz, die Musiker von "Patent Ochsner", untermalen zu lassen.

Alle zwanzig Vorstellungen waren bereits zehn Tage vor der Premiere restlos ausverkauft.Und dies, obwohl man mit der gezielten Lust auf den großen Raum aus den engen Neumarktverhältnissen in die mehr als 400plätzige Reithalle der koproduzierenden Zürcher Gessnerallee dislozierte, zum renommiertesten Schweizer Spielort der freien Szene, wo sonst Peter Brook oder Sasha Waltz gastieren.Und so werden sich nun wie am ersten auch an allen folgenden Abenden ganze Trauben von Menschen um die nicht abgeholten Karten balgen.Zum ganz großen Theaterfest wurde die Uraufführung trotzdem nicht.Dem "Allstar-Trio" Widmer, Hesse & Patent Ochsner gelingt zwar einiges, zuvorderst eine unglaubliche Verdichtung der großen Erzählung auf weniger als hundert, zum Teil recht bildstarke Minuten.Man versucht zum Glück erst gar nicht, die Sprachgewalt Gotthelfs in Sprechtext zu übersetzen, sondern man setzt auf das Pathos der Raumwirkung (Bühne Marietta Eggmann), auf groteske Einzel- und Massenchoreographien (Olimpia Scardi) und auf die Rockgewitter und Balladen von "Patent Ochsner".Neben den endzeitlichen Visionen zur Jahrtausendwende ("Es ist wieder mal fünf vor zwölf!") arbeitet der gerade 60 gewordene Urs Widmer in wunderbar lakonischen Szenen vor allem den Opportunismus und die urschweizerische Ausgrenzung alles Fremden aus der gotthelfschen Vorlage heraus.

Allein, der theatrale Funkenregen entfacht an diesem Abend kein Feuer, es entsteht nicht der Sog eines Ganzen.Es ist, wie wenn man einem Zauberer von hinten zusieht: Man bewundert das Handwerk, bestaunt die Fingerfertigkeit - aber wir werden nicht verzaubert.Büne Huber von "Patent Ochsner" ist ein charismatischer Sänger, aber ein nicht eben begnadeter Erzähler.Selbst die Hauptfiguren Christine (Desirée Meiser) und der Teufel (Michael Neuenschwander) verlieren sich in der Weite des Raumes und bleiben mehrheitlich blaß.Hinzukommt, daß fast alles Gesungene unverständlich bleibt.Gerade was "Top Dogs" so beklemmend machte, die Nähe und Enge, mutiert hier zu oft zu einer Opernhaftigkeit, die nicht berührt.Das ist schade.Nicht zuletzt wegen der über fünfzig Jugendlichen, die mit großartigem Körpereinsatz dem Bauernvolk, der eigentlichen Hauptrolle des Abends, Gestalt und Seele geben.

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