Grabgestaltung : Eine klare Linie ins Jenseits

Ruhestätten spiegeln das Leben der Toten - wer reich war, will das zeigen. Moderne Grabgestaltung: Ein Friedhofsspaziergang mit dem Architekten Peter Heimer.

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Bauhaus-Erdmöbel. Walter Gropius entwarf das Grab für Albert Mendel auf dem Friedhof Weißensee.
Bauhaus-Erdmöbel. Walter Gropius entwarf das Grab für Albert Mendel auf dem Friedhof Weißensee.Foto: Stefanie Seidl

Egon Eiermann (1904-1970) war bekanntlich einer der einflussreichsten Architekten der deutschen Nachkriegsmoderne, der nicht nur Gebäude wie die Berliner Gedächtniskirche oder die Olivetti-Türme in Frankfurt baute, sondern auch im Möbeldesign an die Tradition des Bauhauses anknüpfte. Mit seinem legendären Eiermann-Tisch ist er noch heute in sehr, sehr vielen Architektur-Büros anwesend. Eiermann, das bedeutet: Analytische Klarheit! Leichtigkeit! Geometrie!

Schon in den Dreißigern entwarf Eiermann für den Berliner Bestatter Grieneisen die Filialen, Jahrzehnte später arbeitete er noch einmal für das Unternehmen und entwickelte funktionalistische Särge, die zum Beispiel für die Überführung mit dem Flugzeug sehr praktisch waren. Doch als der Bestatter das reduzierte Erdmöbel sah, behauptete er entsetzt, der Entwurf sei nicht zu realisieren. Zu schlicht, zu nüchtern, also: zu wenig Pomp, zu wenig Geste. Wenn’s um die letzte Stätte geht, versteht die Bestatter-Lobby offenbar keinen kühn funktionalistischen Spaß. Räume dürfen klar und schmucklos sein, aber bei der Grabgestaltung – so die Argumentation – neige der trauernde Mensch eben zur bauchigen Form, zum Trost der zerfließenden Kante.

„Das war früher auch so“, sagt Peter Heimer, beim Spaziergang über die verschatteten Pflastersteinwege des jüdischen Friedhofs in Weißensee. Heimer ist im Hauptberuf Kunstberater, entwirft seit einigen Jahren aber auch selbst Grabstätten, die – wenn man das so sagen kann – der Formensprache der Moderne verpflichtet sind. Und er liebt Bauhaus-Gräber. Von denen es aber nicht viele gibt. Auf dem Friedhof in Klein Glienicke soll mal ein Grab Mies van der Rohes für eine Familie gestanden haben, für die der Architekt auch ein Haus gebaut hatte, aber es ist leider nicht mehr erhalten. 1926 entwarf Mies van der Rohe für den Zentralfriedhof von Friedrichsfelde ein Revolutionsdenkmal für die Toten der Arbeiterbewegung, eine Wand aus versetzt aufeinandergeschichteten Steinriegeln, die einige Jahre später von den Nationalsozialisten abgetragen wurden.

In Dahlem steht das Grab des Architekten Bruno Paul, ein schmuckloser rechteckiger Stein mit nichts als dem Namen des Verstorbenen, der sich wie ein scharf geschnittenes grafisches Band den oberen Rand entlangzieht. Die meisten Bauhaus- Gräber finden sich noch hier, in Weißensee. „Viele jüdische Industrielle oder Unternehmer haben sich von Bauhaus-Architekten ihr Haus bauen oder die Wohnung einrichten lassen. Und einige wohl auch ihre Gräber.“ Aber auch hier sind es kaum mehr als eine Handvoll.

Es ist schon erstaunlich: Berlin ist eine Stadt der klassischen Moderne. Mies van der Rohe, Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Bruno Taut, sie alle haben seit dem Anfang des Jahrhunderts und vermehrt in den Zwanzigern Wohnhäuser, Bungalows, Fabrikgebäude, Villen, Einfamilienhaussiedlungen oder sogar ganze Stadtteile in Berlin gebaut. Doch in der Grabgestaltung der gleichen Zeit herrschte noch immer die barocke Opulenz der Gründerzeit. Repräsentative Mausoleen, Tempelbauten mit antikisierenden Säulen. Aus Stein gehauene Blumenkränze oder Engel mit fließenden Gewändern, die mit geneigtem Kopf in die Ferne schauen. Warum ist das so? Widerspricht das Prinzip der klaren Linie etwa grundsätzlich der inneren Logik der persönlichen Gedenkens?

Peter Heimer bleibt vor einer massigen Grabarchitektur stehen, die aussieht wie ein prunkvoller Vorraum, mit einer blinden Tür, die so tut, als liege erst dahinter das Eigentliche. „Gräber haben schon immer das Leben der Toten gespiegelt. Wer reich war, wollte das auch zeigen. Aber gleichzeitig wird eine Verbindung in das Reich der Toten hergestellt. Schon bei den Ägyptern gab es Scheintüren, durch die die Seele der Toten die Lebenden besuchen konnte. Umgekehrt suggerieren Gräber, die etwa mit Symbolen arbeiten, dass der Lebende beim Gedenken auch ein bisschen hinübergelangen kann.“

Ornamentale Formen laden also leichter zur Kontemplation ein. Oder, zugespitzt formuliert: An der geschwungenen Linie entlang fantasiert sich der Trauernde auf die andere Seite. Und genau dieses Angebot macht ein Bauhaus-Grab nicht. Der Reiz, das Radikale, ja das Unerhörte eines funktionalistischen Grabsteins: Er erzählt keine Geschichte. Er vermittelt nicht zwischen den Bereichen Diesseits und Jenseits, sondern setzt eine klare Grenze. Er inszeniert kein geheimnisvolles Dahinter, sondern ist, wenn überhaupt, selbst das Geheimnis.

Kurze Zeit später stehen wir vor einer solchen Grabstelle, deren Architekt unbekannt ist. Ein mannshoher Stein mit akkuraten Kanten. Die untere Hälfte wurde in drei Flächen geteilt, die schrittweise zurückspringen, so dass der Stein stufenweise flacher wird. Auf dem ersten Streifen steht der Name des Verstorbenen, in der Mitte ein hebräischer Text, darunter sind Geburts- und Todestag vermerkt. „Das Besondere ist“, sagt Peter Heimer, „dass die Schrift so weit unten beginnt und nicht gleichmäßig über die ganze Höhe verteilt wurde. Die obere Hälfte, wo das Auge zuerst hinguckt, bleibt völlig leer“.

Das berühmteste Bauhaus-Grab in Weißensee stammt von Walter Gropius, der für Albert Mendel eine kubistische Architektur entworfen hat. Auch diese kann man betreten, aber nicht wie den Vorhof des Eigentlichen, sondern eher wie eine Bushaltestelle oder einen Unterstand. Eine Rückwand mit dachartigem Vorsprung, der auf der einen Seite senkrecht zur Seitenwand abfällt. Rechts wird die Begrenzung dieses aufgeschnittenen Raums von einer niedrigen Betonmauer fortgesetzt. Links ruht eine sargähnliche Skulptur mit spitz zulaufendem Dach. Alles bleibt auf dieser Seite.

Und wie kommt man, als jemand, der in der Berliner Kunstszene zu Hause ist, darauf, Gräber zu entwerfen? „Zufall“, sagt Peter Heimer. Als ein Familienmitglied starb, wurde er gebeten, sich um das Grab zu kümmern. Er erfand einen sehr minimalistischen und gar nicht nüchternen „Seelenbrunnen“. Eine flache quadratische Vertiefung, deren Boden aus einer schwarzen, leicht spiegelnden Granitplatte besteht. Das Geviert wird von einer Metallkante eingefasst, die über einer Schattenfuge schwebt. Auf der hinteren Seite der Kante war der Name des Verstorbenen eingelassen, auf der linken Seite das Geburts- und rechts der Todestag, so dass die Daten mit der leeren Fläche zugleich einen Zeitraum einspannen. Der Entwurf fiel auf, und es folgten weitere Aufträge.

Inzwischen gestaltet er nicht mehr nur selbst, sondern baut ein Netzwerk von Architekten auf, die für ihn Grabentwürfe gestalten (www.moderngraves.com). So haben etwa Clemens Tissi, der auch Möbel entwirft, und Katja Buchholz, die lange für das Büro von David Chipperfield gearbeitet hat, Vorschläge beigesteuert. „Ich frage bewusst nur Architekten und keine Künstler. Denn bei Künstlerentwürfen besteht die Gefahr, dass man sich fragt: Was will er damit sagen? Dass sich die Individualität des Künstlers vor das Andenken des Verstorbenen schiebt.“ Gräber sollen unmittelbar wirken. Ein Spiel mit der Bedeutung – das wäre in der Tat nicht im Sinne der Sache.

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